Karten und Distanzen

Karten sind ein unverzichtbares Hilfsmittel, wenn man beim Reisen nicht verloren gehen will. Hier in Argentinien halten die meisten Touristeninformationen recht gutes Kartenmaterial vor. Auch wenn manches Detail wie z.B. eine Maßstabsangabe eher der Präsentation von Logos und Sehenswürdigkeiten geopfert wird, ist eine Navigation zumindest möglich. Ein Gespür für Distanzen stellt sich aber recht schnell ein, wenn wir ein paar Blocks gelaufen sind.

Erste Orientierung in Mendoza

Was einem aber auch die beste Karte nicht zu vermitteln weiß, ist die soziale Distanz, die man auf einer Strecke überwindet.

Wir sind in Mendoza, der Stadt des Weins und der Sonne. Unsere Ankunft hier war von einigen Wehwehchen geprägt, die wir in einer Nacht im Hostel aber gut wieder ausschlafen konnten. Wir machen uns am frühen Abend auf in den südlichen Stadtteil Godoy Cruz, wo wir für die nächsten Nächte bei Martin und Carlos unterkommen. Die Orientierung ist leicht. Wir gehen zunächst in den Park, der von seiner Größe her selbst ein eigener Stadtteil sein könnte. Hier zocken wir eine Runde Karten, bis ein zahnloses Großväterchen des Weges kommt und mich anfährt, warum ich denn das Mädchen beim Spielen bescheiße. Es dauert ein paar Sekunden bis ich merke, dass er nur Spaß macht. Er schnappt sich das Kartendeck und zieht uns seinerseits mit ein paar Taschenspielertricks ab. Zum Abschied rät er uns, nicht bis zur Dämmerung in diesem Teil des Parks zu bleiben. In der Nachbarschaft gäbe es ein paar Gegenden, aus denen wir nichts Gutes zu erwarten hätten.

Schatten im Park

OK, wir wollen sowieso los, um wie verabredet bei unseren Gastgebern zu sein. Wir satteln also wieder auf und checken ein letztes Mal die Karte. Am Kreisverkehr die große Straße nach rechts, zwei Blocks bis zur Pferderennbahn, nochmal rechts und dann ist es schon eine der nächsten Abzweigungen, also kein Problem.

Gewaltige Alleen in Mendoza's Zentrum

Wir stiefeln los und merken schon bald, dass dieses Mendoza nicht dem Bild entspricht, was das Zentrum in unseren Köpfen gezeichnet hat. Statt baumbestandener Straßen mit herrschaftlichen Anwesen, reihen sich hier schmale vier- bis fünfgeschossige Wohnhäuser aneinander, die ihre besten Tage sichtbar hinter sich haben. Nach der nächsten Kreuzung beginnen wir uns dann wirklich etwas ungemütlich zu fühlen. Die Szenerie wandelt sich graduell, ohne dabei wirklich bedrohlich zu sein. Trotzdem wollen wir besser schnell das letzte Stück hinter uns bringen, immer etwas angespannt, wenn jemand hinter uns geht.

Und dann stehen wir an einer Kreuzung, an der wir eigentlich nicht stehen sollten. Offensichtlich haben wir eine Abzweigung verfehlt. Scheiße! Viel Zeit zum Sondieren der Lage wollen wir uns aber doch nicht lassen und entscheiden bis zur letzten großen Straße zurückzugehen und den kürzesten Weg entlang zur angegebenen Adresse zu nehmen.

Als wir besagte große Straße entlangeilen passiert das, wovor man instinktiv immer den größten Schiss hat. Ein junger Mann kommt von der anderen Seite auf uns zugerannt und redet auf uns ein: Spanisch? Englisch? Sollen wir einfach weiter und ihn ignorieren? Oder reiten wir uns damit nur tiefer rein? Nach den nächsten Schritten wird er sehr eindringlich. „Geht auf keinen Fall weiter, dreht sofort um! Hier seid ihr nicht sicher.“ Langsam werden wir wieder ruhiger. Trotzdem müssen wir entscheiden, wie wir weitermachen. Alleine weiter auf geradem Weg zum Ziel scheint keine Option zu sein. Taxi nehmen? Wo bekommen wir hier auf die Schnelle eins her? Nochmal irgendwo ins Internet und Martin kontaktieren? Dazu müssten wir wieder zurück zum Park, mindestens.

Santiago, so heißt unser „Retter“, fackelt nicht lange. Er ruft seine Freunde auf der anderen Straßenseite und geht mit ihnen die Optionen durch. Bruno wohnt direkt an der Ecke und hat WLAN, da können wir sofort hin. Seine Mutter kann uns auch ein Taxi rufen. Als wir dann den Adressenfehler ausfindig machen, merken wir, dass uns wirklich nur noch 5 Gehminuten vom Ziel trennen. Die Jungs bestehen darauf, uns bis zur Haustür zu bringen. So stiefeln wir also los mit einer Eskorte bestehend aus Santiago, Bruno und Pablo, der auf den Schultern seinen wagemutigen dreijährigen Bruder trägt. Der Abschied wird wieder einmal sehr herzlich und als sie sehen, dass Carlos öffnet und uns bereits erwartet, ziehen die Dreieinhalb zufrieden wieder von dannen.

Dass eine Distanz von wenigen hundert Metern eine weitaus größere soziale Entfernung durchmessen kann, hat sich uns sehr eindrücklich offenbart. Die Straße in der wir jetzt wohnen ist friedlich und hat den Charme einer verschlafenen Vorstadt. Keine zwei Blocks weiter fühlt man sich an Szenen aus der Dritten Welt erinnert. Unsere Angewohnheit, alles zu Fuß zu erledigen, werden wir in Zukunft überdenken.

Unser ruhiges Plätzchen für ein paar Nächte

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Eine Antwort zu Karten und Distanzen

  1. Janine Thomas schreibt:

    Passt gut auf euch auf, ihr zwei. Kommt uns bloß heile zurück nach Aachen 😉

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