Das Paradies am Río Azul

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Es ist noch kalt, als wir – die Rucksäcke voran – aus dem Bus in den Staub springen. Wir wollen am Río Azul eine Wanderung in die Berge machen.

 „Nehmt die Kreuzung und folgt dem Weg bis ihr an den Fluss kommt. Geht flussaufwärts und lasst die erste Brücke links liegen. An der zweiten Brücke überquert ihr den Fluss, von da an geht es 7 Stunden steil bergauf. Nehmt genug Wasser mit!“

Das war der Rat, der uns in der Touristeninformation auf den Weg gegeben wurde. Wir haben uns dort in ein Büchlein eingetragen, mit unseren Tageszielen und dem Datum der geplanten Rückkehr. Einen Großteil unserer Ausrüstung haben wir in El Bolsón gelassen, trotzdem werden wir bald jedes Gramm verfluchen, das wir auf unseren Rücken schleppen…

Noch hat es die Sonne nicht zu uns ins Tal geschafft. Wir stolpern über einen Vagabunden, der sich nicht um das Lagerverbot schert und auf seiner ausgefransten Isomatte am Ufer schläft. Wir gehen ein Stück weiter und suchen nach einem Platz für den Kocher. El Bolsón haben wir in der Frühe eilig verlassen und nun knurren uns angesichts des ausgefallenen Frühstücks die Mägen. Ein Stück weiter klettern wir in das Flussbett und kochen Kaffee.

Die Sonne hat es noch nicht ins Tal geschafft, als wir am Río Azul unser Frühstück nachholen

Die Sonne hat es noch nicht ins Tal geschafft, als wir am Río Azul unser Frühstück nachholen

Wir fühlen und gestärkt und ziehen weiter bis die zweite Brücke in den Blick gerät. Hier stehen erneut zwei Ranger, die uns nochmal instruieren und bei denen wir uns abermals in ein Büchlein eintragen. Einer der beiden nickt anerkennend, als wir ihm auf seine Frage antworten, dass wir für den nächsten Abschnitt fünf Liter Wasser mit uns nehmen. Übertreiben die hier maßlos? All die Sicherheitsmaßnahmen, die Verpflichtung, Wasser dabei zu haben. Wir finden das fast etwas überzogen.

Über eine wacklige Hängebrücke geht es zum anderen Ufer

Über eine wacklige Hängebrücke geht es zum anderen Ufer

Als wir das andere Ufer erreichen, werden wir eines Besseren belehrt. Schon der erste Abschnitt treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Schon bald wird uns klar, dass wir unser Vorhaben, alle 100 Höhenmeter eine kurze Pause einzulegen, nicht funktionieren wird, wenn wir bei Tageslicht noch die erste Schutzhütte erreichen wollen. Als Kompromiss einigen wir uns darauf, jede Stunde für 10 Minuten zu rasten. Ich kämpfe mich Meter um Meter nach oben, während Bekki vorausschwebt, als hätte sie nur Heliumballons geladen. Bei der ersten Pause kann ich das erste Mal mein Hemd auswringen. Der Rucksack schält erbarmungslos den Rest Haut vom Rücken, der nach dem Badeausflug mit Carlos und Juan noch übrig ist. Wir treffen immer wieder auf eine Fünfergruppe, die zur gleichen Zeit aufgebrochen ist. Wir haben für jede Pause einen Snack im Gepäck. Das scheint von der Mannschaft kritisch beäugt zu werden und ich freue mich darauf, dass nach jeder Rast die Last etwas geringer ist.

Es geht steil bergauf, für mehr als 6 Std.

Es geht steil bergauf, für mehr als 6 Std.

Das Blau des Flusses haben wir längst hinter uns gelassen. Jetzt dominiert das Graubraun des Staubes die Szenerie, den wir mit jedem Schritt aufwirbeln. Ich unterdrücke das Verlangen zu gähnen, weil ich keine Lust auf den pelzigen Staubbelag auf der Zunge habe und für solche Zimperlein das Wasser nicht reicht.

Der aggressive Staub bedeckt alles, inklusive unserer Klamotten

Der aggressive Staub bedeckt alles, inklusive unserer Klamotten

Die Kulissen, die wir durchschreiten wirken surreal. Der alles überdeckende Staub schafft es nicht, gegen die Vegetation anzukommen. Aus der Trockenheit heraus sprießen unzählige Bäume, Büsche, Farne und Hartlaubgewächse. Auf uns wirkt alles wie ausgedacht. Rebekka fühlt sich wie in einem Botanischen Garten, in dem versucht wird, die Vegetation am Río Azul nachzubilden. Ich fühle mich an Studiolandschaften von Fernsehserien der 80er erinnert. Trotzdem hat hier kein Mensch Hand angelegt und der Natur wird freier Lauf gelassen. Was bei uns verrotten und für eine dicke Humusschicht sorgen würde, vertrocknet hier. Einen organischen Oberboden wird man hier vergebens suchen.

Die Vegetation trotzt dem allgegenwärtigen Staub

Die Vegetation trotzt dem allgegenwärtigen Staub

Als wir es zum ersten Aussichtspunkt schaffen, wringe ich zum zweiten Mal mein Hemd aus und wir sehen, wie viel Höhe wir hinter uns gelassen haben. Der Blick hinauf wird von den dichten Baumkronen verdeckt. Nur mit dem Blick auf die Bergflanke gegenüber lässt sich ahnen, was heute noch vor uns liegt. Sobald ein kurzer horizontaler Abschnitt auftaucht und man sich gerade daran erfreuen will, kommt mit Wucht die nächste Steigung. Wir lachen darüber, dass uns diese Art der körperlichen Selbstbestrafung trotzdem so glücklich macht, dass wir an keinem anderen Ort sein wollen.

Kurze Verschnaufpause. Jetzt geht der Weg weniger steil weiter

Kurze Verschnaufpause. Jetzt geht der Weg weniger steil weiter

Erst nach sechs Stunden haben wir den Kamm überschritten und längere Etappen ohne Steigung. Diese führen durch märchenhafte Wälder, in denen die Bäume von gespenstischen Gewächsen überwachsen sind. Würde in diesem Moment ein Kobold oder irgendein anderes Fabelwesen hinter einem der Bäume hervortreten, wir würden vermutlich nur freundlich grüßen und einen schönen Tag wünschen. Die Gedanken sind hier so unendlich weit weg.

Der Ausblick ist unglaublich. Fast erwarte ich die Stimme des Ansagers im Computerspiel: "Sie haben neues Land entdeckt!"

Der Ausblick ist unglaublich. Fast erwarte ich die Stimme des Ansagers im Computerspiel: „Sie haben neues Land entdeckt!“

Als die Sonne bereits wieder hinter den Bergen versinkt, erreichen wir ein malerisches Tal zu Füßen eines schneebedeckten Gipfels. Ein Bächlein plätschert durch saftiges Grün. Mittendrin eine Kuh. Die Dächer des Refugios erscheinen im Blick. Wir schlagen unser Zelt auf und kochen Linsen.

Nach wenigen Runden Kartenspiel zieht es uns schon wieder auf die Matten. Die recht frische Nacht in El Bolsón hat uns vorgewarnt. Wir wollen kein Risiko eingehen und packen uns ordentlich ein. Ich schlüpfe in die Merinowäsche und ziehe die Kapuze meines Schlafsacks zu. Noch zwei Mal höre ich das tick tack tick tack der Armbanduhr, dann falle ich in einen tiefen Schlaf.

Lachende Kinder, die um mich herumspringen und mich auf irgendetwas aufmerksam machen. Ich verstehe nicht, was sie von mir wollen und versuche zu fragen, aber außer Lachen bekomme ich keine Antwort.

Langsam schleppt mich die Schar in das ruhigere Fahrwasser des Halbschlafs und ich merke, dass tatsächlich etwas nicht stimmt. Ich brauche noch ein paar Augenblicke bis ich realisiere, dass ich am ganzen Körper zittere. Die Frage nach dem Warum beschäftigt mein halbwaches Hirn noch eine Weile, dann wache ich auf. Ich bin klatschnass geschwitzt.

Kein Wunder, dass ich friere, selbst der Schlafsack ist nass. Zitternd wechsle ich die Klamotten. Tiefenentspannt bietet mir Rebekka ihre Wärme und einen Teil ihres Schlafsacks an. Nach einigen Minuten bin ich wieder wohltemperiert und merke beim Gang vors Zelt, dass es lauwarm und furztrocken ist. Da habe ich es wohl zu gut gemeint mit meiner Wintermontur.

Wir wollen früh weiter, schaffen es aber doch erst gegen 11 Uhr aus dem Tal. Der Weg heute wird uns über den nächsten Bergkamm und hinab ins Nachbartal führen. Wir wissen, dass in etwa anderthalb Stunden Entfernung ein Bergsee am Wegesrand liegt und verkneifen uns davor jede Pause. Der Weg fordert uns erneut heraus. Als wir oben ankommen, dringen wir in eine Landschaft ein, die vage an ein Hochmoor erinnert. Wir streifen über die Wiesen und stehen plötzlich vor einem bräunlichen Tümpel. Das mit dem See hatten wir uns anders vorgestellt.

Der Aufstieg führt zu einem Hochplateau, das an ein trockengefallenes Moor erinnert

Der Aufstieg führt zu einem Hochplateau, das an ein trockengefallenes Moor erinnert

Wir stapfen weiter und werden belohnt. Vor uns liegt ein Panorama – der blaue See umrahmt von Wald und grünen Wiesen, im Hintergrund plätschert ein Bächlein von der Schneedecke des gewaltigen Bergmassivs herab. Wir werfen die Rucksäcke ans Ufer und machen die müden Beine lang. Wir liegen noch nicht lange herum, da kommt ein junger Mann zu uns und bringt uns einen Mate als Begrüßungsgetränk. Dankbar nehmen wir an und der bittere Kräutertee füllt fühlbar unsere Akkus wieder auf. Das Bad im eiskalten See tut den Rest und erholt starten wir zur nächsten Etappe.

Das kalte Wasser des Sees kommt direkt vom Schneefeld auf dem Kamm

Das kalte Wasser des Sees kommt direkt vom Schneefeld auf dem Kamm

Und die hat es wieder einmal in sich! An der Steilflanke des Berges führt ein schmaler und staubig-steiniger Pfad durch dichtes Buschwerk. Uns brennen die Oberschenkel und die Nachmittagssonne auf den Pelz, aber der Ausblick ist traumhaft. Wir kommen um die Pausen nicht herum.

An der Steilflanke geht es bergab, noch steiler als beim Aufstieg

An der Steilflanke geht es bergab, noch steiler als beim Aufstieg

 

Nach zähem Abstieg gelangen wir wieder in einen Nadelwald und die Steigung flacht ab. Ich denke, dass wir es wohl bald geschafft haben zur nächsten Herberge. Nichts da! Noch ein Abstieg.

Der Abstieg ist strapaziös und staubig, aber der Ausblick dabei entschädigt

Der Abstieg ist strapaziös und staubig, aber der Ausblick dabei entschädigt

 

Unsere müden Knochen wollen nicht mehr, als endlich die Hängebrücke in den Blick kommt. Der Wegweiser sagt, es seien nur noch 5 Minuten, aber wir bekommen keinen Fuß mehr vor den anderen und lassen uns an den eiskalten Fluss plumsen. Erst nach einer Viertelstunde schaffen wir es, die Rucksäcke zu schultern und die letzten paar hundert Meter zurückzulegen.

Vor uns liegt das Paradies! Zur Linken erstrecken sich Obstwiesen, auf denen Schafe weiden, zur Rechten liegt die Blockhütte des Refugiums, versteckt in einem üppigen Garten, in dem Tomaten, Bohnen Kohl, Beeren, Kräuter und Salat sprießen. Der Zeltplatz hinter dem Haus liegt auf einer sanft geneigten Wiese, die von einem Bächlein geteilt wird. Uralte Bäume und eine Felswand spenden Schatten.

Die Blockhütte des Refugios versteckt sich in einem üppigen Gemüsegarten

Die Blockhütte des Refugios versteckt sich in einem üppigen Gemüsegarten

Wir verputzen beim abendlichen Kartenspiel einen hausgemachten Brombeerkuchen und trinken heißen Kaffee. Auch wenn jeder Muskel zerrt und jeder Knocken knarrt, wir sind glücklich!

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4 Antworten zu Das Paradies am Río Azul

  1. Anita schreibt:

    Der Aufstieg schien ja wirklich nicht so einfach und ungefährlich zu sein, aber schön dass ihr gut oben angekommen seid. Die Fotos sind echt klasse! 🙂

  2. Harald Mantay schreibt:

    Hallo ihr Lieben dort am anderen Ende der Welt, wir haben gestern von Carsten von eurem Blog erfahren und werden nun ein Wenig teilhaben können an euren Abenteuern. Wir wünschen euch auch weiterhin tolle Erlebnisse und viel Bewahrung.
    Eure Renate und Harald

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