Unter den Schwingen des Kondors

Atemberaubende Ausblicke im Parque Nacional de los Glaciares

Atemberaubende Ausblicke im Parque Nacional de los Glaciares

Nach unserem spontanen Ausflug ans Meer zieht es uns recht bald wieder in die Berge. Der alte Eduardo hält mit seinem Abschleppwagen neben uns in der Steppe und bietet an, uns bis nach Río Gallegos mitzunehmen. Wir können es kaum glauben – immerhin sind das über 700 km und etwa 12 Std. Fahrzeit. Unterwegs teilen wir Empanadas, Kekse und so manche Geschichte.

Es beeindruckt uns immer wieder aufs Neue, wie viele Menschen uns hier einen großen Gefallen erweisen. Seien es die vielen Kilometer, die sie uns in ihren Autos mitnehmen, die Zimmer, in denen wir oft mehrere Nächte schlafen können, ohne einen Peso zu bezahlen, oder ein geschenktes Frühstück, weil wir ohne Auto auf dem Campingplatz sind und der Weg zum Bäcker so weit ist. Jeder aufrichtige Dank, den wir zum Ausdruck bringen wird mit einer Geste der Selbstverständlichkeit zurückgewiesen.

Eduardo ist ein sehr bedächtiger Mensch, der langsam redet und einen sehr feinsinnigen Humor hat. Als wir an einem Rastplatz gemeinsam Mate schlürfen, erzählt er uns, dass er nach 40 Jahren auf den tausenden Kilometern der argentinischen Straßen den Sinn des Lebens verloren zu haben glaubte, weder schlief noch aß und letztlich für zwei Monate auf der Intensivstation lag. Kaum vorstellbar, bei diesem freundlichen Menschen, der so ausgelassen die Lieder seiner CD mitträllert. In den ersten Stunden der Fahrt können wir uns kaum sattsehen an der schieren Unendlichkeit der Steppe, den Guanacos und Steppenfüchsen, die den Wegesrand säumen. Aber schon bald danach merken auch wir, wie das Auge ständig nach einem Fixpunkt sucht und ihn nicht findet.

Die Steppe wirkt unendlich - über Stunden ändert sich der Ausblick nur graduell

Die Steppe wirkt unendlich – über Stunden ändert sich der Ausblick nur graduell

Als wir am nächsten Morgen nach El Calafate kommen, werden wir fast erschlagen von der geballten Ladung Tourismus, die uns hier um die Ohren gehauen wird. Man sieht dem Ort an, dass er einzig dazu da ist, alle Wünsche der Wanderer, Kletterer, Radfahrer und Pauschalurlauber zu erfüllen. Mit der Befürchtung, es könnte dort noch schlimmer werden, reisen wir weiter nach El Chaltén. Doch weit gefehlt, der Ort erweist sich als charmant unfertig und weit weniger überlaufen.

Das Dörfchen El Chaltén wird von gewaltigen Felswänden eingerahmt

Das Dörfchen El Chaltén wird von gewaltigen Felswänden eingerahmt

Unsere erste Tageswanderung führt uns zum Gletschersee zu Fuße des beeindruckenden Cerro Torre. Dieser empfängt uns zwar wolkenverhangen, aber der Ausblick ist trotzdem sehenswert. Das Wetter ist aufgrund des Mikroklimas am Gletscher sehr wechselhaft. Wie sagte der Parkranger so schön: „Das ist hier wie eine kleine Antarktis, nur ohne Pinguine.“

Auch wolkenverhangen ein Hingucker - das Tal am Cerro Torre

Auch wolkenverhangen ein Hingucker – das Tal am Cerro Torre

Als wir auf dem Scheitel der Seitenmoräne emporsteigen, um einen noch besseren Ausblick zu haben, fegt uns der Wind fast vom Berg. Wir warten auf besseres Wetter und werden für unsere Geduld gleich doppelt belohnt. Die Sonne brennt sich ihren Weg durch die Wolkendecke und wie aus dem Nichts taucht über uns eine Schar Andenkondore auf und zieht seine Bahnen. Die Vögel dieser Geierart gehören zu den größten der Welt und als einer knapp neben uns in Richtung Lagune herabsinkt rutscht uns für einen Moment das Herz in die Hose, so riesig sind die Schwingen!

Vor dem Gletscher auf die Sonne warten - es gibt Schlimmeres

Vor dem Gletscher auf die Sonne warten – es gibt Schlimmeres

Lautlos schweben die gewaltigen Kondore heran

Lautlos schweben die gewaltigen Kondore heran

Erst im Alter von 7 Jahren bekommen Kondore das typische  schwarz-weiße Gefieder

Erst im Alter von 7 Jahren bekommen Kondore das typische schwarz-weiße Gefieder

Als es nach Calafate zurück geht müssen wir doch feststellen, wie die Gegend hier am Geldbeutel saugt. Die Fahrpreise für Busse sind enorm und selbst das billigste Hostel (mit dem Charme einer Obdachlosenunterkunft), kostet das Doppelte des gewohnten Preises. Also schlagen wir unser Zelt auf dem Campingplatz auf und gewöhnen uns einfach daran, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Der Eintritt in den Nationalpark kostet uns etwa dreimal so viel, wie Einheimische dafür zahlen müssen.

Trotzdem wollen wir uns den gigantischen Perito Moreno Gletscher nicht entgehen lassen. Und wären wir hier knauserig gewesen, hätten wir auf einen der erhabensten Momente der bisherigen Reise verzichten müssen. Der Gletscher ist gewaltig!

Die Gletscherzunge des Perito Moreno hat eine Breite von 6 km

Die Gletscherzunge des Perito Moreno hat eine Breite von 6 km

Wir stehen auf einer kleinen Halbinsel, an die der Koloss mit seinen rund 60 m Höhe und 35 km Länge fast heranreicht. Beinahe durchgehend kalbt der Gletscher und schmeißt Eismassen von der Größe eines Mehrfamilienhauses in den See. Dabei hört es sich an wie eine Mischung aus Donnergrollen, Böllern und Kanonenschüssen, wenn die riesigen Eisblöcke auf die Wasseroberfläche klatschen.

Erst wenn der riesige Eisblock schon ins Wasser geplumst ist, tönt das Donnergrollen auf die andere Seite

Erst wenn der riesige Eisblock schon ins Wasser geplumst ist, tönt das Donnergrollen auf die andere Seite

Wir können uns kaum sattsehen und spekulieren stundenlang darüber, an welcher Kante der 6 km messenden Front der nächste Brocken abgeht.

Wir verbringen Stunden damit, auf den Gletscher zu starren - der Anblick fesselt

Wir verbringen Stunden damit, auf den Gletscher zu starren – der Anblick fesselt

Zufrieden machen wir uns auf den Rückweg und starten mitten in der Nacht zum nächsten Abenteuer. Es geht nach Chile zu einer mehrtägigen Wanderung am Paine-Massiv.

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