Patagonien

Der Himmel

Patagonien. Für mich ist das ein verzaubertes Wort. Die absolute Freiheit. Die Region schaffte es vor Jahren, dank eines Artikels in einer Zeitschrift, von der Unbekanntheit direkt ganz nach oben auf meine Reiseliste.

Bekannt ist Patagonien für seine Schroffheit, seine Ödnis. Es gehört zu den am wenigsten besiedelten Gegenden der Welt. Die Böden sind unfruchtbar, das Wetter ist unberechenbar und es weht fast immer ein starker Wind, der locker 100 km/h aufnehmen kann. Abseits der Anden erheben sich nur wenige Berge und so zieht sich vertrocknetes Gras über die Ebene bis es in das Blau des Himmels übergeht. Und genau das ist Patagonien für mich: der Himmel. Das denke ich oft, wenn ich in die Landschaft blicke und meine Gedanken von einem weiten Ausflug wieder in der Gegenwart ankommen. Patagonien ist der Himmel. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich. Die manchmal graubraun, manchmal gelb leuchtende Steppe ist nur die Plattform, um den Himmel in Szene zu setzen. Hier bekommen Wolken den Ehrenplatz im Sichtfeld. Um ihre unterschiedlichen Formen und Formationen zu betrachten, muss man den Kopf nicht in den Nacken legen. Der Himmel beginnt viel tiefer. Es gibt nichts was ihm im Wege steht.

Wir nehmen uns Zeit und lassen uns treiben. Die unendliche Weite der Steppe, das schiere Nichts, lässt sich erst so richtig erfassen, wenn man sie über Stunden und Tage erlebt, ja erträgt. Die Straßen führen schnurgerade in den Horizont, eingerahmt von Zäunen von denen man sich fragt, was diese eigentlich einzäunen. Guanakos, Ñandus, Hasen und verschiedene Vögel leben am Wegesrand und zeigen keine Scheu. Auf den wenigen Straßen, die durch Patagonien führen, wird ihnen das zum Verhängnis. Unzählige Ñandus liegen neben der Straße und locken Raubvögel an. Auch wir haben fast einen der ungelenkigen großen Vögel am Kühlergrill. Der laute Schreckensschrei meinerseits ist es nicht, der das verhindert.

In den Ausläufern der Anden wandelt sich das Bild. Mit der Häufigkeit des Regens steigt auch der Grünanteil in der Vegetation. Wälder und Wiesen rahmen die schroffen Felsen der Berggipfel ein und überall schimmert es blau. Diesmal ist es nicht das Blau des Himmels sondern Eis. Gletscher fließen die Täler herunter und lassen mit ihrem Schmelzwasser steile Wasserfälle, wilde Flüsse und milchige Seen entstehen. An ihren Bruchkanten leuchten sie in einem Blau, das uns Anerkennung für die Entwickler der Wick-Eisbonbons abringt. Genau so sieht es nun mal aus.

Während wir Tage lang durch den Nationalpark Torres del Paine wandern, bekommen wir eine grandiose Vorstellung des patagonischen Wetters geboten. Nach zwei Tagen Dauerregen ist die kleine Hütte des Campingplatzes abends gut gefüllt. Unzählige Schuhe, Sohlen, Socken, Regenhosen und Jacken hängen an den Wänden in der Hoffnung, dass diese wenigstens ein bisschen trocknen. Immer wenn der Regen besonders stark gegen die Dachfenster peitscht oder das solide Dach vom Sturm angehoben wird und mit einem lauten Krachen wieder nach unten fällt, wird es für einen Augenblick mucksmäuschenstill in der geschäftigen Hütte. Unsichere Blicke werden getauscht. Sollen wir nach dem Zelt sehen? Keiner will so recht raus aus dem Mikrokosmos der warmen Hütte. Doch spätestens nachdem die Kunde eines herrenlosen auf dem Campingplatz herumflatternden Zeltes die Runde macht, rennen alle raus und beschweren ihre Zelte mit Steinen und allem was zu finden ist. Die ersten durchnässten Schlafsäcke gesellen sich zu den Socken und Regenhosen in der Hütte. Am nächsten Morgen gehen wir an zerrissenen Zelten vorbei und sind froh, in ein gutes Zelt investiert zu haben. Und weil wir so ein gutes Zelt haben, testen wir am Ende sogar das Campen ohne Heringe in Patagonien. Die haben wir Trottel nämlich auf einem der Zeltplätze verloren.

Die Wanderungen sind abwechslungsreich und machen bei jedem Wetter Spaß. Bei den Highlights der Tour, den Türmen des Himmels und dem Grey Gletscher, lässt sich dann auch die Sonne blicken. So wandern wir von morgens bis abends durch die Berge und retten uns abwechselnd das Leben. Mal verhindert Micha durch seinen heldenhaften Einsatz, dass mich eine unverhoffte Sturmböe in den Fluss befördert, über den ich gerade von Stein zu Stein hüpfe. Mal bremsen meine Reflexe Michas Flug von einem steilen Felsen. So kommen wir gesund und munter wieder in die Zivilisation und das Steak schmeckt umso besser.

Nach Patagonien fährt man der Landschaft wegen, aber auch die Städte haben etwas. Manchmal können wir im Vorbeifahren die Häuser der in unserer Karte eingezeichneten „Städte“ zählen. Andere Städte wiederum erkunden wir über mehrere Tage. Besonders die bunten Wellblechhäuser in Puerto Natales, mit den Bergen und mindestens einem Regenbogen im Hintergrund, gefallen uns gut. Auch in Punta Arenas, dem südlichsten Ziel unserer Reise fühlen wir uns wohl. Wir machen das GPS an und realisieren, dass wir inmitten der zerklüfteten Küste tatsächlich am Ende der Welt sind.

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