Valparaíso

Valparaíso

Zwischen dem azurblauen Pazifik und dem babyblauen Himmel spannt sich Valparaíso wie eine bunt bekleckste Leinwand über den Horizont. Das Gesamtkunstwerk dieser Hafenstadt setzt sich in den Details fort: bunt bemalte Treppenstufen und rostige Aufzüge führen auf die steilen Hügel, wo sich Cafés und Souvenirläden mit ihrem Ausblick gegenseitig übertreffen, wo bis spät in die Nacht Musik über die Plätze schallt und unzählige Künstler – und solche, die es werden wollen – auf Skizzenblöcken oder Servietten das Panorama festhalten.

Und dann ist da das andere, das zweite Valparaíso. Eine nach Pisse, Fisch und Vogelscheiße stinkende Hafenstadt, in der vom Leben verbrauchte Gestalten Trödel verscheuern, wo am Markt beschissen und in den zahlreichen Armenvierteln gestohlenes Kupfer eingeschmolzen wird, wo man nachts nicht alleine durch die Gassen gehen sollte.

Auch nachts kann man den Ausblick genießen

Auch nachts kann man den Ausblick genießen

Diese Komposition macht die Stadt so einzigartig und liebenswert und wir beschließen spontan einen Tag länger zu bleiben. Bei der etwas zu enthusiastischen Stadtführung machen wir uns vorzeitig aus dem Staub und schippern stattdessen auf einem ausgedienten Fischkutter durch die Bucht, vorbei an auf Bojen pennenden Seelöwen und Containerschiffen vor ihrem Aufbruch in die Weiten der Weltmeere.

Wie ein kleiner Junge stehe ich an Deck und staune über die Kraft der kleinen Schlepperboote, die einen Containerriesen aus dem gefluteten Trockendock in Position ziehen. Häfen und ihr Drumherum faszinieren mich immer wieder aufs Neue, selbst wenn sie so überschaubar sind wie hier.

FOB Buenos Aires, CIF Punta Arenas, CIP Valparaíso … ich sehe sie wieder vor mir, die Frachtpapiere, Zolldokumente und Akkreditive mit den exotischen Destinationen, die mich während der Ausbildung zum Außenhandelskaufmann so (fern-)wehmütig werden ließen. Mir schwirren die Zahlen durch den Kopf über Containervolumina, Frachtraten und Umschlagzeiten – und ich bin glücklich! Das ist wieder einer der Momente, in denen ich es kaum fassen kann, hier am anderen Ende der Welt zu sein. Fast erwarte ich, wieder im Archivkeller aufzuwachen, wohin ich mich damals manchmal zum Mittagsschlaf verkrochen habe.

Dass ich nicht träume merke ich, wenn ich mir zum 67. Mal auf der Reise irgendwo den Schädel stoße. Der Schmerz ist echt – die Reise auch!

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