Die Vielfalt der Wüste

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In San Pedro ist Endstation – zum Glück nicht für uns, aber für alle Reisenden, die von hier aus fort wollen. Als wir die Oasenstadt mitten in der Atacamawüste erreichen, ist von Straßen nicht mehr viel zu erkennen.

Zu unserer Unterkunft gelangen wir mit dicken Matschklumpen unter unseren Stiefeln. Im ganzen Städtchen wimmelt es von anderen Reisenden. Man könnte fast meinen, es sei noch Hauptsaison. Der wohl größte Teil wartet jedoch darauf, dass die Passstraßen nach Argentinien und Bolivien wieder befahrbar sind. Wir quartieren uns in einem gemütlichen Hostel ein und rechnen mit dem Schlimmsten. Immer wieder kommen verknittert dreinblickende Backpacker von der Busstation zurück: wieder kein Durchkommen.

Die Situation schweißt zusammen und in der Freiluftsitzecke unserer Herberge findet sich schnell eine sympathische Gruppe zusammen. Wenn nichts geht, dann trinkt man eben Rum oder verputzt die aus dem Nachbargarten stibitzten Granatäpfel.

Großes Glück haben wir, als uns Mirja und Marco fragen, ob wir nicht am nächsten Tag zusammen in die Wüste wollen. Die beiden haben einen Jeep ausgeliehen und sind daher nicht auf die Unzuverlässigkeit der Aussagen sämtlicher Tourenanbieter angewiesen. Also brettern wir los, als Ziel haben wir ein Feld von Geysiren. Schon nach kurzer Zeit merken wir, dass wir uns hier sehr weit oberhalb des Meeresspiegels befinden. Luftdruck und Sauerstoffgehalt sind deutlich reduziert. Man kommt schon bei wenigen Schritten aus der Puste und auch der Motor japst beim Anfahren aus den Schlammlöchern nach Luft.

Freiheit dank Allradantrieb

Freiheit dank Allradantrieb

Keiner von uns hat vor der Fahrt mit der Vielfältigkeit der Landschaft gerechnet, die sich uns offenbaren soll. Rund um San Pedro gibt es zunächst nur Geröllfelder, aus denen einzelne Kakteen herauswinken. Aber mit jedem Kilometer Strecke und jedem Höhenmeter, den wir zurücklegen, wandelt sich das Bild. Die Wüste erstrahlt in einer Mischung aus gelb und grün, die sich vom braun der Felsen absetzt. Die Niederschläge der vergangenen Tage sind hier oben als Schnee heruntergekommen und lassen die Vulkane ringsherum gleißend weiß erstrahlen.

Wir überwinden Schneefelder und fragen uns, was die vielen Vicuñas hier oben suchen. Es sieht nicht so aus, als gäbe es noch besonders viel Futter zu finden. Auf eine Antwort müssen wir nicht lange warten. Hinter einer Kuppe leuchtet uns in himmelblau eine Lagune entgegen. Hier weiden Vicuñaherden im saftigen Grün. Wir können uns kaum von dem Anblick lösen, fahren aber weiter. Vorbei an freundlich grüßenden Bauarbeitern, die die Unwetterschäden an der ramponierten Straße ausbügeln. Vorbei an Halden des hier abgebauten schwefelhaltigen Gesteins. Vorbei an verlassenen und zerfallenen Hütten aus groben Wüstengeröll. Vorbei an noch größeren Lagunen mit noch größeren Vicuñaherden und uns geht das Herz auf – dieses Panorama ist einfach unbeschreiblich.

Marco holt das Letzte aus dem Allradantrieb heraus und wir erreichen die Geysire zur Mittagszeit. Dort werden wir von einem Wüstenfuchs empfangen, dem wir heranstiefelnden Touristen herzlich egal zu sein scheinen. Er posiert kurz für unsere Kameras und macht sich dann wieder auf in Richtung Unendlichkeit. Uns schlägt der stinkende Auswurf der blubbernden Quellen entgegen. Der Boden ist hart und von Mineralen verkrustet. Ein Schritt außerhalb des mit Steinen markierten Weges kann hier böse Folgen haben. Erst am Vortag soll ein unvorsichtiger Besucher mit seinem Fuß in eine der 300° heißen Fumerolen geraten sein, mit den entsprechenden Verbrennungen als Folge.

Wir genießen die Aussicht und entfliehen der Kälte mit Avocadobrot und Tomaten in den Windschatten einer Mauer und auf die Fußbodenheizung der Geysirfläche. Hier hat sie zum Glück nur schätzungsweise 30°.

Auf dem Rückweg wählen wir eine unbekannte Route und werden nicht enttäuscht. Erstens lassen die Straßenverhältnisse ein deutlich schnelleres Vorankommen zu und außerdem werden wir mit weiteren atemberaubenden Panoramen verwöhnt.

Süchtig nach so viel Schönheit machen wir uns später am Tag noch auf ins Valle de la Luna, dem „Mondtal“, das einen wunderbar kargen Kontrast bildet zu der farbenprächtigen Vielfalt am Vormittag. Dies ist eine der ersten Touren, die nach dem Regen angeboten werden. Wir sind wirklich Glückspilze! Unser Guide führt uns zu einer gigantischen Sanddüne, die wie eingeklemmt wirkt zwischen den schroffen, von Salzkrusten überzogenen Felsformationen. An der Stelle mit der besten Aussicht müssen wir dann erfahren, wie sich ein waschechter Sandsturm anfühlt. Die schneidenden Sandkörner fräsen über unsere Arme und Beine. Wer keinen sicheren Stand hat, den haut es um. An mehreren Stellen verabschieden sich Hüte und Sonnenbrillen von ihren Besitzern und werden über die Abhänge geweht. Auch Bekki’s Kamera übersteht den Sandsturm nicht und leidet seither an einer „Zoombehinderung mit Verschlusspanik“.

Das Mondtal ist von einer Salzkruste überzogen

Das Mondtal ist von einer Salzkruste überzogen

Von der Düne aus geht es ins nicht weniger beeindruckende Valle de la Muerte, dem Todestal. Das verdankt seinen Namen glücklicherweise nur dem Übersetzungsfehler eines übereifrigen Missionars. Der Sonnenuntergang ist zwar wolkenverdeckt, was dem Spektakel jedoch keinen Abbruch tut. Die immer länger werdenden Schatten betrachten wir vom Rand des Canyons aus. Nach dem Tag können wir gut nachvollziehen, warum die NASA für ihre Mondlandungen hier trainierte.

Sonnenuntergang nach tagelangem Regen

Sonnenuntergang nach tagelangem Regen

Glücklich kehren wir zu unserer Hostelgesellschaft zurück, die auch mit wechselnder Belegschaft ein Gefühl von Zusammengehörigkeit vermittelt. Einige unserer dortigen Begleiter werden wir auf unseren nächsten Stationen noch wiedertreffen.

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