Wahlsonntag

Laguna Colorada

Mit kleinen Bussen werden wir früh morgens vom Hostel in San Pedro abgeholt. Es ist der erste Tag, an dem die 3-Tages-Tour nach Uyuni wieder normal angeboten wird. Regen und Schnee konnten soweit in den Griff bekommen werden, dass die Straßen passierbar sind. Der einzige Unsicherheitsfaktor ist, dass in Bolivien am zweiten Tag unserer Tour Wahlen sind.

In Bolivien ist das Wählen Pflicht. Außerdem ist es verboten, am Wahltag zu arbeiten. Unsere Fahrer verstoßen also gegen alle Regeln, wenn sie uns an diesem Tag durch die Wüste kutschieren. Wir sprechen unseren Fahrer Dionisio darauf an und er bestätigt, dass er in ernsthafte Schwierigkeiten kommen kann, wenn er erwischt wird. Deshalb würde er an besagtem Tag weniger bekannte Routen fahren, um eventuellen Militärsperren auf den Straßen zu entgehen. Die vier Brasilianer unserer Gruppe und wir sind beruhigt und angesichts der grandios schönen Lagunen, die mal gelb, mal grün, blau, rot oder schwarz schimmern, den Geysiren, heißen Thermalquellen mit Aussicht, Flamingos, Vicuñas und Lamas, ist alles andere schnell vergessen. Auch die Höhe von über 5.000 m über dem Meeresspiegel fordert uns einiges ab.

Wir hören Musik, bestaunen die Landschaft und erzählen uns im Auto lustige Anekdoten, bis Dionisio plötzlich anhält und sein Fernglas zückt. Angestrengt starrt er durch die Röhren und reicht das Fernglas dann an uns weiter. „Sitzen in dem Auto dort vorne nur zwei Personen?“ fragt er besorgt. Es hat tatsächlich den Anschein, als stünde ein Auto mit lediglich zwei Personen auf dem nächsten Hügel. Militärkontrolle! Dionisio gibt Lichthupe und stellt den Warnblinker ein, um den Jeep vor uns zu warnen. Doch der scheint dies nicht zu bemerken. Uns bleibt nichts übrig, als mit angehaltenem Atem zuzusehen, wie sich der Jeep immer weiter den Hügel hinaufschlängelt. Dann gibt Humberto, einer der Brasilianer, Entwarnung. Er hat mit dem Zoom seiner Kamera fünf Personen etwas entfernt von dem Auto ausgemacht. Offensichtlich doch nur ein Jeep mit Touristen. Also fahren auch wir weiter und Dionisio schiebt sich im Sekundentakt Cocablätter in den Mund. Der Arme hat sichtlich Angst. Als wir auf dem Hügel ankommen, ist nichts von einer Militärkontrolle zu sehen, auch wenn sich die durch den Zoom erkannten Touristen jetzt als Lamas entpuppen. Trotzdem ist die Stimmung angespannt. Uns allen ist jetzt klar, unter was für einer Anspannung unser Fahrer steht.

Wir setzen unseren Weg fort und bestaunen Vulkane, riesige Korallenfelder und bizarre Felsformationen. Anfangs haben wir noch häufig angehalten, um uns alles näher anzuschauen. Jetzt rasen wir nur so über jedes Schlagloch und bekommen durch Cocablätter genuschelte Erklärungen, was wir im Vorbeirauschen sehen. Dionisio schaut ständig in den Rückspiegel. Jetzt erkennen auch wir die Staubwolken zweier sich schnell nähernder Verfolger. Keiner von uns beschwert sich über die ruppige Fahrt. Wir können die Situation nicht einschätzen. Geht seine Angst wieder mit ihm durch, oder werden wir tatsächlich vom Militär verfolgt? Plötzlich reißt er das Lenkrad herum und wir rasen querfeldein durch die Wüste. Nach ein paar Minuten verschwinden wir zwischen großen Korallen und treffen auf einen anderen Jeep. Das scheint ein bekanntes Versteck zu sein. Endlich dürfen wir wieder aussteigen und die beiden Fahrer lassen sich extra viel Zeit bis es weitergeht.

Am Abend kommen wir nach San Juan, einem kleinen Wüstendorf. Es wirkt trostlos und binnen weniger Sekunden sind wir fliegenumschwirrt. Wir wollen weiter, doch Dionisio offenbart uns, dass wir die Nacht hier verbringen werden und nicht wie geplant in einem Salzhotel. Wir fragen nach dem Grund und bekommen gleich verschiedene geliefert. Erst versucht er uns weiß zu machen, dass das hier das Salzhotel sei. Und tatsächlich hängt an der Tür ein Schild, das es als solches ausweist, auch wenn dieses schäbige Haus ganz offensichtlich zu null Prozent aus Salz besteht. Hält er uns für so dumm? Irgendwie müssen wir lachen, gleichzeitig werden wir aber auch sauer. Auch die angeblichen Militärkontrollen auf dem nächsten Straßenabschnitt oder der halbherzige Erklärungsversuch, unser Essen sei ausversehen hierher geliefert worden, überzeugen uns nicht mehr. Es ist offensichtlich, dass das nur Ausreden sind und nie geplant war, im Salzhotel zu schlafen.

Wir weigern uns! Also fährt der sichtlich überforderte Dionisio mit uns auf den kleinen Hügel am Rande des Dorfes. Hier ist eine lustige Ansammlung von Leuten und schnell wird klar, was diese auf den Hügel führt. Jeder einzelne schaut oder redet in ein kleines Gerät. Nur hier oben gibt es Handyempfang. Einige Telefonate und Diskussionen später haben wir es geschafft. Brasilians never give up. Das haben wir gesehen!

Auf dem letzten Wegstück wird uns ein grandioser Sonnenuntergang über dem Salar geboten, gefolgt von einem beeindruckenden Sternenhimmel. Das Hotel ist schön, es gibt Wein und eine Dusche und so sind wir bestens gerüstet für den nächsten Tag. Dieser wird durch den Sonnenaufgang in der unendlichen Weite der über 10.000 km² großen Salzpfanne eingeleitet. Fast den ganzen Tag verbringen wir in dieser weißen Welt. Teilweise ist der Salar trocken und mit einem Muster aus Sechsecken überzogen, teilweise liegt eine dünne Wasserschicht über dem Salz. Dann wirkt die Fläche wie ein riesiger Spiegel.

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