Nur die Dinosaurier fehlen

Urwald

Von Samaipata machen wir uns auf in den Nebelwald La Yunga, einem Relikt aus schauriger Vorzeit, in der Tyrannosaurus und Kollegen den Planeten bewohnten. Am Vorabend wissen wir noch nicht so recht, ob sich dieser Ausflug wirklich lohnen wird. Zu unterschiedlich sind die Aussagen derer, die sich bereits dorthin verirrt haben. Wir sollen aber nicht enttäuscht werden!

Morgens werden wir vor dem Büro von Rita eingesammelt, die an diesem Tag unsere Führerin ist. Mit uns kommt Bianca aus Lissabon, die wir am Abend vorher kennengelernt haben. Ein Taxi kutschiert uns über Stock und Stein auf einer stark erodierten Piste. Je höher wir uns empor schrauben, umso dichter werden die Wolken um uns herum. Als wir dann zu Fuß zum Eingang des Waldes gelangen, kann man kaum mehr hundert Meter weit sehen.

Mitten in der Wolke bahnen wir uns den Weg in den Urwald

Mitten in der Wolke starten wir den Weg in den Urwald

Der Beginn unserer Wanderung führt uns durch eine Galerie von Koniferen, wenn man so will den „Vorläufern“ der Nadelbäume, wie wir sie aus unseren Breiten kennen. Als wir auf eine Lichtung treten stehen wir mitten in einer Wolke. Zu unseren Seiten geht es steil abwärts, ein Ende lässt sich aber nicht erkennen. Wir steigen weiter aufwärts und betreten einen Wald, wie ihn keiner von uns vorher je gesehen hat.

Statt Bäumen wachsen hier Riesenfarne in den Himmel, die mit beeindruckenden Überlebensstrategien daherkommen. Über uns lassen sich schwatzende Papageienschwärme nieder. Hin und wieder hört man einen Specht, der hier passenderweise Carpintero (Schreiner) genannt wird. Rita weiß unglaublich viel zu den Details aus Flora und Fauna zu berichten. Man merkt ihr an, dass sie Biologin mit Leidenschaft ist. Immer wieder halten wir an unscheinbaren Pflanzen an und sind danach beeindruckt vom aromatischen Geruch der Blätter, der Vielseitigkeit medizinischer Nutzbarkeit der Blätter, Wurzeln und Blüten unterschiedlicher Gewächse. Immer tiefer wagen wir uns vor in das dichter werdende grüne Dickicht und fühlen uns wie im Jurassic Park, nur ohne die Dinosaurier.

Rita freut sich über unsere Begeisterung und beantwortet geduldig die Kaskaden unserer Fragen über Pflanzen- und Tierwelt. Sie berichtet über die verschiedenen Affen-, Schlangen- und Vogelarten, die hier leben. So lernen wir auch, dass der Urin des Andenbären, dem größten Säugetier im Wald, stark nach Kaffee riecht. Den friedlichen Gesellen würden wir gerne einmal selbst zu Gesicht bekommen. Die Chancen dafür stehen aber nicht sonderlich gut. Rita hat ihn in ihrer jahrelangen Tätigkeit im Wald selbst noch nie gesichtet. Außerdem sagt sie, dass sich die seltensten Tiere immer nur denen zeigen, die gar kein Interesse daran haben, sie zu sehen.

Also haben wir schlechte Karten, bekommen als Ersatz aber kuriose Anekdoten über Giftschlangenbisse bei dicken französischen Touristinnen und ungewollte Puma-Sichtungen geliefert (Lektion: Pumas sind scheu; sich selbst groß machen und den Rückzug antreten. Wenn jedoch ein Jaguar Hunger hat, dann gnade einem Gott).

Es fällt schwer, den Tritt richtig zu platzieren. Immer wieder landen wir in Schlammlöchern. Hinzukommt, dass man dringend davon absehen sollte, sich an Stämmen oder Ästen festzuklammern. Viele der Gewächse haben messerscharfe Stachel, die zu allem Ärger auch noch mit Widerhaken versehen sind.

Mit den Höhenstufen verändert sich auch immer wieder die Zusammensetzung der Vegetation. Wir verlassen die nassen Täler mit den Riesenfarnen und betreten einen dichten Bambuswald. Mitten im Satz halte ich inne, denn es riecht plötzlich nach einem starken Espresso! Der Andenbär muss vor nicht allzu langer Zeit hier vorbei gekommen sein. Rita bestätigt, dass die meisten Sichtungen in diesem Gebiet gemacht werden – uns zeigt er sich trotz aller Hoffnung nicht. Aber allein die Gewissheit, dass er irgendwo hier herumstreicht, freut mich so, dass ich aus dem Dauergrinsen gar nicht mehr herauskomme.

Mittlerweile wissen wir über die Giftigkeit der meisten Pflanzen Bescheid und die Gespräche wenden sich ganz anderen Themen zu. Rita erzählt mit schonungsloser Ehrlichkeit über ihr Leben und ihre Kinder. Bald kommen wir zu Fernsehserien und sie outet sich als Heidi-Fan. Es tut uns fast ein wenig leid, ihr antworten zu müssen, dass das heutige Leben in den Alpen nicht mehr viel mit Großvater und Ziegenpeter gemein hat.

Den Tag haben wir wirklich genossen

Den Tag in und über den Wolken haben wir wirklich genossen

Wir dehnen die Pausen an den Aussichtspunkten oberhalb der Baumgrenze aus, denn wir liegen gut in der Zeit und keiner von uns mag sich so recht vom Anblick der grünen Berge lösen, über denen jetzt der blaue Himmel erstrahlt. So viel Glück gibt es auch nicht auf jeder Tour!

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2 Antworten zu Nur die Dinosaurier fehlen

  1. Betsy schreibt:

    Gut seht ihr aus! 🙂

  2. Michael schreibt:

    Dankesehr. Uns geht’s auch bestens. Grüße ans schöne Bonn!

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