Wiedersehen auf der Todesstraße

Death Road

Auf La Paz freuen wir uns ganz besonders. Hier scannen wir auf dem Vorplatz der Franziskuskirche die Menschenmenge nach einem bekannten Gesicht. Greta, eine Freundin aus Tübingen, und Jule sind gerade ebenfalls in La Paz. Die Freude ist groß! Zusammen erkunden wir entspannt die Stadt. Der erste Eindruck einer versmogten, sehr durchschnittlichen Stadt wandelt sich langsam.

Überall auf den Straßen drängen sich Marktstände. Meistens bilden diese Cluster, so dass jede Straße für eine bestimmte Warengruppe oder Dienstleistung bekannt ist. In der einen Straße duftet es nach Frittiertem, in der anderen gibt es Drogerieartikel oder bunte Stoffe, Taschen und alles was das Touriherz begehrt, in wieder einer anderen buhlen die Frisöre um Kundschaft, oder es verteilt sich das, was wir als Baumarkt kennen, in einzelnen Geschäften über eine Straße. Das Ausmaß der Stadt lässt sich gut von einem der Hügel ringsum erfassen. Mit den teils verschneiten Bergen im Hintergrund kann sich der Ausblick sehen lassen, auch wenn die Häuser auf uns einen unfertigen Eindruck machen. Alles scheint sich im Bau zu befinden. Die Häuser werden nicht verputzt und gestrichen. Vielmehr scheint es, als würde mit dem Bauen aufgehört werden, sobald das Haus halbwegs bezugsfertig ist.

Natürlich dauert es nicht lange bis wir in bekannter Truppe die nächste Quatschaktion ausgeheckt haben. Spontan beschließen wir, am folgenden Tag mit dem Mountainbike die sogenannte Todesstraße hinunterzubrettern. Diese Straße schlängelt sich durch die Berge von Cumbre bis Coroico. Sie ist unbefestigt und so schmal, dass in der Vergangenheit viele LKWs und Busse die steilen Abhänge hinuntergestürzt sind. Seit ein paar Jahren gibt es für Autos eine neue, breitere Alternative. Die Todesstraße wird heute nur noch touristisch genutzt. Abgesehen vom Spaß und Nervenkitzel, den eine Fahrradtour entlang der schmalen Straße verspricht, ist die Landschaft, die man dabei durchquert, herausragend. Innerhalb weniger Stunden bekommt man fast alle Klima- und Ökozonen Südamerikas zu sehen und zu spüren.

Früh am nächsten Morgen stehen wir also eingemummt in Schutzkleidung auf 4.700 m Höhe und machen uns mit unseren Rädern vertraut. Wir haben uns den Anbieter und die verliehenen Fahrräder vorher gut angeschaut. Auf dieser Straße ist es eindeutig von Vorteil funktionierende Bremsen zu haben. Unsere Räder sind neu, vollgefedert und haben Hydraulikbremsen. Für meinen Geschmack funktionieren die Bremsen etwas zu gut. Schon das kleinste Antippen der Vorderbremse blockiert das Rad komplett. Außerdem sitze ich extrem niedrig auf dem Rad. Angeblich muss das so. Na gut, auf geht’s.

Vorne fährt ein einheimischer Tour-Guide, der die Straße kennt und uns einweist, worauf wir in den Streckenabschnitten achten müssen. Manche Abschnitte bestehen nur aus Geröll, andere sind besonders schlammig, mal müssen wir einen kreuzenden Bach durchqueren, unter einem Wasserfall hindurch oder die Straße wird besonders schmal und kurvig. Anfangs fahren wir jedoch auf der asphaltierten neuen Straße. Hier herrscht normaler Verkehr, weshalb wir uns rechts halten müssen.

Da es nur bergab geht, nehmen wir schnell Fahrt auf und rauschen die Straße hinunter. Die Sonne hat es noch nicht durch die Wolken geschafft. Meine völlig eingefrorenen Finger liegen immer auf der Bremse, um schnell reagieren zu können. Die vielen Unebenheiten in der Straße schütteln mich auf dem vollgefederten Mountainbike ordentlich durch. Irgendwie ist mir das alles nicht ganz geheuer, aber da hebe ich schon ab.

Als ich so durch die Luft fliege, gehen mir einige Gedanken durch den Kopf. Fliege ich gerade wirklich vorn über mein Fahrrad? Bin ich durch den Schlag der Erhebung auf die Vorderbremse gekommen, oder wie hab ich das geschafft? Und während ich mit den Händen und Rippen meine Geschwindigkeit von etwa 40 km/h auf 0 abbremse, geht das Gedankenkarussell weiter. Zum Glück habe ich diese Schutzhandschuhe an. Bitte bloß nicht das Schlüsselbein brechen. Wo ist eigentlich mein Fahrrad? Und alles überschattend der Gedanke Bin ich jetzt ernsthaft der EINE Trottel der Gruppe, der es geschafft hat, vom Fahrrad zu fallen?? Ja, der bin ich. Betröppelt liege ich auf der Straße und versuche herauszufinden, ob irgendwas ernsthaft weh tut. Dann sehe ich, dass auch Greta auf dem Asphalt liegt. Sie ist hinter mir gefahren und hat vergeblich versucht, mir und meinem Fahrrad auszuweichen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, doch sie hat schon wieder ein schiefes Lächeln im Gesicht. Zum Glück folgt uns ein Kleinbus, der uns und unsere Fahrräder später wieder zurück transportieren soll. Dadurch ist gesichert, dass uns kein Auto erfassen kann. Wie durch ein Wunder haben wir den Sturz beide heil überstanden. Wir fahren weiter.

Sichtlich durcheinander kämpfe ich mich die nächsten Kurven bis zum Rest der Gruppe voran. Dort schauen mich neun Augenpaare besorgt an. Die ungeteilte Aufmerksamkeit ist mir in diesem Moment zu viel. Ich höre noch wie jemand ruft „take the bike, take the bike“ und mich starke Arme packen und langsam zu Boden lassen. Danke Kreislauf, das war der zweite starke Auftritt innerhalb von zwei Wochen! Und danke Micha, der mich immer wieder auffängt! Eine Cola und ein Frühstück bringen mich wieder unter die Lebenden und von da an macht auch mir die Fahrt Spaß. Trotzdem fahre ich jetzt lieber ganz hinten.

Angesichts des Ausblicks während der fünfstündigen Abfahrt ist es fast eine Schande, dass wir die meiste Zeit auf die Straße schauen müssen. Das Wissen um die (kalkulierbare) Gefahr, die Schönheit der Natur und der Spaß in der Gemeinschaft machen den Tag zu einem besonderen Erlebnis. Rund 64 km weiter und 3.700 Höhenmeter tiefer in Coroico wird dieses durch eine heiße Dusche und ein leckeres 4-Gänge-Menü abgerundet.

Coroico hat eine super Lage inmitten der Yungas und ist total süß. Micha und ich schauen uns nur an und die Sache ist geritzt. Noch sind wir nicht ganz fertig mit La Paz, aber danach kommen wir wieder! Dann aber mit dem Bus 🙂

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Eine Antwort zu Wiedersehen auf der Todesstraße

  1. Rudi schreibt:

    Hammer Bilder!!!! 🙂

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