Überlandbus

Überlandbus

Verglichen mit Chile und Argentinien ist Bolivien ein verhältnismäßig kleines Reiseland. Man sollte sich beim Blick auf die Karte aber nicht täuschen lassen. Schon für Strecken von wenigen hundert Kilometern kann man eine Tagesreise einplanen. Die Überlandbusse, mit denen man sich hier zwischen den Städten bewegt, erfüllen dabei gekonnt ihren Wortsinn. Man kutschiert über’s Land, und zwar weit oben! Ein Großteil Boliviens liegt mehr als 3000 m über dem Meeresspiegel.

Die Busse haben überhaupt nichts mehr gemeinsam mit den Luxuslinern im Süden des Kontinents. Hier sind es zumeist hochgebockte Blechkisten, denen man ihren jahrzehntelangen Dienst auf unbefestigten Pisten deutlich ansieht.

Die Busterminals erfüllen die Funktion unserer heimischen Hauptbahnhöfe. Quasi der gesamte Überlandverkehr wird mit Bussen abgewickelt. Je nach Stadt findet man dann einen bis ein paar dutzend Busanbieter, die ihre Destinationen und Abfahrzeiten in die Hallen und auf die Straßen posaunen. Wir haben uns abgewöhnt, gleich dem erstbesten Schreihals an seinen Ticketstand zu folgen. Da macht man im Regelfall den schlechteren Deal. Wir nehmen uns meist die Zeit, die Angebote zu vergleichen. Auch wenn ein höherer Preis mit ‚Extras‘ wie einer Heizung, oder zwei Fernsehern an Board gerechtfertigt werden soll, wissen wir mittlerweile um den Unsinn dieser Angebote.

An den Busterminals herrscht meist ein wildes Durcheinander

An den Busterminals herrscht meist ein wildes Durcheinander

Denn die Busse sehen von innen sowieso alle gleich aus. Der Fahrerbereich ist durch eine solide Tür von der Gästekabine abgetrennt und lässt sich von innen nicht öffnen. Meist schlägt einem schon beim Einsteigen ein ekelhaft abgestandener Muff entgegen. Bisher hat in keinem der Busse die Lüftung funktioniert. Wir haben jetzt in etwa heraus, welche Sitzreihe man reservieren sollte, um an der Schiebeöffnung der Fenster zu sitzen. Wenn sie sich denn öffnen lassen. Bevor die Gäste an Board gelassen werden, geht der Fahrer oder sein Assistent mit einer Büchse Febreze durch die Kabine und überdeckt den abgestandenen Geruch der fleckigen Filz-Sitzüberzüge mit dem Duft öffentlicher Toilettenanlagen. Die sperrholzartigen Innenverkleidungen sehen aus, als hätte man sie mit einem Stück Speck eingerieben und danach mit dem Fön eine Ladung Staub durch den Bus geblasen. Die metallenen Zierleisten sind mit karamellisiertem Dreck unterschiedlicher Couleur geschmückt. In einigen Bussen gibt es tatsächlich Fernseher, alte Röhrenmonitore, von denen bezweifelt werden darf, dass sie überhaupt noch angehen. Davon abgesehen gäbe es kaum etwas Nervigeres, als auf diesen Geräten auch noch einen Film aufgezwungen zu bekommen. Die Heizung ist fast immer auf die Stufe Brathähnchen hochgedreht und man muss aufpassen, sich nicht die Beinhaare zu versengen. Die Hitze zwingt einen aus dem Pullover und gibt damit die nackten Arme der klebrigen Attacke der Seitenlehnen preis. Auf die Suche nach einem Sicherheitsgurt muss man sich erst gar nicht machen.

Wir haben eine stoische Gelassenheit entwickelt und schalten schon beim Einstieg in den Passivmodus um. Kaum etwas lässt sich hier von uns beeinflussen – warum also aufregen? In den steilsten Abschnitten, die der Regen in Schlammpfützen verwandelt hat, sehen wir einfach nicht mehr aus dem Fenster. Gelegentlich wird eine Pulle Abuelo Rum als Beruhigungsmittel aus dem Handgepäck gezaubert. Das hilft gegen Rutschpartien an Abhängen ohne Leitplanken, Überholmanöver im Nebel, oder die Lehne des Vordermanns, die einem mit ordentlichem Rumms in die Visage knallt.

Die Dörfer, in denen kurze Pausen eingelegt werden, haben sich ganz auf das Geschäft mit den Durchreisenden eingestellt. In Schubkarren werden Backwaren herankutschiert, es gibt frittierte Hühnchen, Suppen, Burger und selbstgemachte Säfte. Im Vorbeifahren sieht man die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und kann sich in Gedankenspielen üben, warum in manchen Dörfern die Rohbauten protziger Residenzen aus dem Boden sprießen und in anderen die maroden Ziegelhütten kaum den nächsten Sturm überstehen werden.

Noch abenteuerlicher wird es, wenn keine Reisebusse, sondern nur Überlandtaxis oder Kleinbusse die Strecken bedienen. Dann gibt statt der Fahrbahnmarkierung die ideale Kurvenlinie den Weg vor.

Bei diesen Varianten wartet der Fahrer üblicherweise so lange bis alle Plätze besetzt sind. Es sei denn, man ist bereit den Fahrpreis für einen vollbesetzten Kleinbus zu zahlen und alleine zu fahren. Über die Dauer von mehr als zwei Stunden (angekündigt waren 20 Minuten) füllt sich der Toyotakleinbus für die Fahrt von La Paz nach Coroico wie ein Clown-Car mit 15 Insassen. Geduldig spielt Rebekka mit dem Knirps vor uns verstecken, während auf der hintersten Bank ein zahnloses Großväterchen, auf seinen prallen Jutesäcken sitzend, die Straßenhändler zum Narren hält.

Es ist so eng, dass wir uns wünschten, doch den großen Bus genommen zu haben. Dass unsere Entscheidung die Bessere war, sollen wir noch früh genug merken.

Im Schritttempo geht es durch die Polizeikontrollen, in denen brav der Turnbeutel mit Warndreieck und Verbandszeug vorgezeigt wird. Die Straße ist gesäumt von Küchen in winzigen Blechverschlägen. Es duftet nach Gebratenem und die emsigen Köchinnen flitzen im Laufschritt neben den Autos her, um ihre Ware an den Mann zu bringen.

Dem Großväterchen gelüstet es nach einer Portion Hühnchen mit Mais. Wie im Chor wird die Bestellung von der gesamten Besatzung nach draußen gebrüllt:

„Hühnchen mit Mais, sagt er!“

Großväterchen will wissen, was er zu berappen hat.

Im Chor: „Was kostet’s, fragt er?“

Die etwas überforderte Köchin reicht die Tüte mit dem Essen durchs Fenster und die Fahrt geht häppchenweise voran. Keine 100 m weiter bekommt Großväterchen noch größeren Appetit und der Chor stimmt erneut seinen Kanon an, diesmal gibt es Kartoffeln mit scharfer Soße und Rindfleisch. Als er dann auch noch die Bäckerfrauen aufscheucht, weil er zwei riesige Laibe Brot ordert, und die armen kaum mehr mit dem Bus Schritt halten können, bricht im ganzen Bus ein heiteres Gekicher aus. Ein zahnlos schelmisches Grinsen auf der Rückbank krönt die Szene.

Hinter der Stadt tauchen wir in die wolkenumhüllte Pracht schroffer Felsen ein und mit irrsinnigem Tempo geht es durch die Kurven und vorbei an den schwer schnaufenden Lastwagen. Die Sitzposition zu verlagern gleicht hier einem artistischen Kunststück, trotzdem zwingen die durchgesessenen Sitzbänke und der dadurch schmerzende Hintern ab und zu nach einer Neujustierung.

Nur gut, wenn man auch auf dem Sitz gefaltet einschlafen kann

Nur gut, wenn man auch auf dem Sitz gefaltet einschlafen kann

Irgendwie schaffe ich es doch einzuschlafen. Geweckt werde ich durch eine Vollbremsung. Vor uns liegt der Reisebus neben der Straße, den wir in La Paz anstelle des Kleinbusses hätten nehmen wollen. Auf der Straße laufen aufgescheuchte Frauen herum und hinter den Fenstern des umgekippten Busses hängen noch immer einige Insassen. Zum Glück ist der Bus gegen die Felsenseite gekippt und nicht in den Abgrund. Die Situation scheint weitestgehend unter Kontrolle zu sein und ein Polizist nimmt bereits Aussagen auf. Nach einigen Minuten geht es weiter, zunächst brav hinter einem Geländewagen her. Der Schock will wohl erst einmal verdaut werden, denken wir. Kaum sind wir außer Sichtweite der Ordnungshüter, wird trotz Tempolimit und Überholverbot auf die Tube gedrückt und ohne Sicht mit fast 100 Sachen die Kurve geschnitten.

Wir erreichen Coroico nach einer Ralleyperformance auf den unbefestigten letzten Kilometern tatsächlich unbeschadet. Die Fahrt endet jedoch vor den Toren des Dorfes, weil man dort noch eifrig Pflastersteine verlegt – die neue Straße soll am nächsten Tag eingeweiht werden. So wie es dort aussieht, werden die Knaben wohl noch eine lange Nacht vor sich haben!

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