Der Titicacasee

Titicacasee

Es sieht aus wie das Meer, es hat eine Brandung wie das Meer, es gibt einen Sandstrand wie am Meer, es ist kalt wie das Meer, es gibt eine Marine wie am Meer, aber es liegt 3.800 m über dem Meer. Es ist der Titicacasee.

Mit einer Bus-Boot-Kombination gelangen wir nach Copacabana. Das Städtchen liegt direkt am See und besteht hauptsächlich aus Hostels, Touranbieterbüros und Restaurants. Trotzdem hat es Charme. Man kann ewig am Ufer entlang schlendern, Fischerboote beobachten, gebratene Forellen essen und über die Märkte bummeln. Ein kleines Boot bringt uns zur Isla del Sol im Titicacasee. Auf der Insel führen rund 2.000 Menschen ein ruhiges, bescheidenes und sonniges Leben. Die meisten Touristen machen nur einen Tagesausflug dorthin. Wir wollen ein bisschen länger bleiben.

Direkt am Strand dürfen wir unser Zelt aufschlagen. Wir legen uns erstmal in die Sonne und fühlen uns wie am Meer. Man hört die Möwen kreischen und die Wellen brechen und kann der Haut quasi beim Braunwerden zuschauen. Neben uns buddelt ein quiekendes Schwein im Sand, hinter uns überwacht eine gelassene Kuh das Schauspiel und ein paar Meter weiter versenkt ein Esel seinen Kopf in einem Mülleimer. Hier wird mit den Tieren gelebt. Schnell erkennen wir die kleinen Routinen auf der Insel. Kurz nach dem Krähen der Hähne, noch bevor die Kinder in einer langen Kolonne zur Schule im Nachbardorf gehen, werden Kühe, Schweine, Schafe und Esel über den Strand zu ihrer Weide getrieben. Abends, wenn die Sonne untergeht, zieht die Tier-Kolonne abermals an unserem Zelt vorbei. Wir klettern auf jeden Berg der Insel und genießen den Weitblick. Beim Aufstieg ist einem die Höhe wieder sehr bewusst. Jede zu schnelle Bewegung führt zu einer kleinen Atemnot. Als wir versuchen eine Abkürzung zu nehmen, treffen wir auf einen Brasilianer, der hier bereits seit Jahren lebt und es zu seiner Aufgabe gemacht hat, an versteckten Orten Pyramiden aus den herumliegenden Steinen zu bauen. Zum Abschluss wandern wir an das südliche Ende der Insel. Dort gibt es Pizza – und was für eine!

Wieder zurück auf dem Festland, bringen wir nur wenige Kilometer außerhalb von Copacabana die Grenzformalitäten über die Bühne. Obwohl die Grenzübertritte bisher ohne Probleme verliefen (abgesehen von unserem Faux Pas, Lebensmittel in Chile einführen zu wollen), ist es doch immer ein unangenehmes Gefühl, den prüfenden Blicken hinter den Schaltern standzuhalten. Man hört so einige Geschichten der Schikane von anderen Reisenden. Besonders die US-Amerikaner haben es schwer in Bolivien. Da wird dann schon mal ein Passbild für die Einreise verlangt. Wer das zufällig gerade nicht dabei hat, darf sich ein Taxi nehmen, zurück in die Stadt fahren, Passbilder machen. Nur um dann zu sehen, wie der grinsende Beamte nichts weiter damit macht und der bereits bezahlte Bus längst ohne einen abgefahren ist. Mit einem deutschen Pass hat man hier aber im Normalfall keine Probleme.

Der Titicacasee gehört mit 40 % zu Bolivien und mit 60 % zu Peru. In Puno machen wir einen Zwischenstopp, um die schwimmenden Inseln der Uros zu besuchen. Auf diesen 87 Schilfinseln leben heute rund 2.000 Menschen. Ursprünglich wurden sie erbaut, um sich vor den kriegerischen Attacken der Inkas zu schützen. Die Basis der Inseln sind große Blöcke aus dem Wurzelwerk von Totora-Schilf. Diese Blöcke werden zusammengebunden und mit vielen Schilf-Schichten bedeckt. Ein schwerer Stein dient als Anker. Die oberste Schicht wird alle 15 Tage erneuert. Deshalb, und um die Feuchtigkeit abzuhalten, sind die Schilfhütten auf den Inseln auf einer extra dicken Schilfschicht errichtet. Schilfboote ermöglichen den Transport zwischen den Inseln und dem Festland.

Einerseits sind wir fasziniert von diesem Lebensstil. Das Leben hier ist so komplett anders als sonst irgendwo. Andererseits erleben wir, wie es auf den Inseln dunkel wird. Es gibt kaum Lichter und der Umgang mit Feuer ist aus offensichtlichen Gründen auf die Kochstellen begrenzt. Mit der Dunkelheit kommt die Kälte und man spürt die Feuchtigkeit durch alle Ritzen kriechen. Plötzlich fällt der faulige Geruch der dauerfeuchten Schilfschichten deutlicher auf. In gar nicht so weiter Entfernung kann man das Lichtermeer der Stadt Puno sehen, doch auf diesen kleinen Inseln, auf denen zwei bis maximal zehn Familien wohnen, kommt einem die Stadt unendlich weit weg vor. Wir sind dann doch froh, dieser Welt nur einen Besuch abgestattet zu haben und fahren weiter in die Stadt, wo wir einen heißen Kaffee und eine heiße Dusche bekommen. Trotz all der Neugier und der Faszination für andere Lebensentwürfe ist man doch sehr von der eigenen Kultur und den eigenen Gewohnheiten geprägt.

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2 Antworten zu Der Titicacasee

  1. Rudi schreibt:

    Dieses Pizzabild… Lebensfreude und Genuss in ein paar pixeln. Super! 🙂

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