Die Stadt in der Stadt in der Stadt

Santa Catalina

Um 4:00 in der Frühe erreicht unser Nachtbus Arequipa. Nach einer komfortabel verschlafenen Fahrt wirkt die Ankunft wie ein Rausschmiss. Unserer Taktik für derartige Fälle treu bleibend, verbringen wir die knappen zwei Stunden bis nach Sonnenaufgang im Busterminal. In der Dunkelheit in eine unbekannte Stadt aufzubrechen ist in den seltensten Fällen eine gute Idee.

Das Taxi, das wir uns mit zwei anderen Gestrandeten teilen, erweist sich als Glücksgriff. Das vom Fahrer empfohlene Hostel liegt zentrumsnah und wird für die nächsten Tage Ausgangspunkt unserer Erkundungstouren. Wir haben etwas Erholung nötig und ein großes Verlangen nach Kultur und guter Küche.

Der historische Stadtkern von Arequipa ist herausgeputzt wie ein Sonntagsschüler und zählt seit einigen Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe, verdient, wie wir befinden. Überschreitet man dessen Grenze jedoch, findet man sich in einer sehr viel chaotischeren, schmutzigeren und unansehnlichen Großstadt wieder. Über der Stadt thronen die schneebedeckten Vulkane Misti und Chachani als eindrucksvolle Fixpunkte am Horizont. Es fällt nicht schwer zu verstehen, dass die Berge den Inka als Gottheiten galten. Ihnen wurden die hübschesten Töchter des Reiches als Opfergabe dargebracht. Ein Ritual, das aus heutiger Sicht sehr befremdlich wirkt. Unsere diesbezügliche Neugier kurieren wir im Museum Santuarios Andinos, in dem die Traditionen, das Kunsthandwerk und nicht zuletzt die Opferzeremonien sehr anschaulich erklärt werden.

Für den Nachmittag haben wir uns den Besuch des Klosters Santa Catalina im Mikrokosmos der historischen Altstadt vorgenommen. Alleine wären wir kaum auf die Idee gekommen, aber die Empfehlung unseres Gastgebers war sehr eindringlich. Und tatsächlich öffnet sich uns hinter den Mauern eine Welt, in der das Leben vor hunderten von Jahren stehengeblieben scheint. Von außen völlig unscheinbar umfasst der Komplex eine eigene, zudem vollständig autarke sakrale Stadt in der (Alt)Stadt in der (Groß)Stadt. Hier wurden die Nonnen im 16. Jh. von Bediensteten umsorgt und die Einrichtung der „Zellen“ ließen auch sonst keinen Mangel erkennen. Möglich war dieser Prunk durch den Umstand, dass es vor allem reiche Familien waren, die ihre zweitgeborenen Töchter dem Dienst an Gott darboten – wenn man so will die Opfergabe der Kolonialherren an ihren Gott. Die Novizinnen, die nur alle paar Jahre aufgenommen wurden, hatten zudem eine beachtliche Mitgift in die Klostergemeinschaft einzubringen. Der Reiz der Anlage ergibt sich nicht zuletzt aus der Mischung unterschiedlicher architektonischer Stile, die den knappen Raum sehr gekonnt zu nutzen wissen. Das Kloster ist seit seiner Errichtung immer wieder von Erdbeben beschädigt und in deren Folge nach der jeweils neuen Mode wiedererrichtet oder erweitert worden. Wir wandern durch die Anlagen, während die untergehende Sonne dort ein fesselndes Farbenspiel veranstaltet, als würde sie uns zu einem dauerhaften Leben hinter den Mauern einladen wollen. Wir entziehen uns dem Bann der Anlage, nicht zuletzt weil uns ein sehr weltlicher Hunger plagt.

Nachdem der Magen in Bolivien nach einem K.O.-Schlag auf die Bretter geschickt wurde, scheinen wir gegen viele der Erreger, die hier so herumfleuchen resistent zu sein. Daher haben wir uns das Essen auf den vielen bunten, lauten und lebendigen Märkten angewöhnt. Hier bekommt man satte Portionen, sollte aber bereit sein, hinsichtlich der hygienischen Verhältnisse, ein Auge zuzudrücken. Nach und nach erkunden wir so die nationale Küche, umgeben von Ziegenköpfen, frisch gerupften Hühnchen, Fisch, Blumen, Gemüse, Getreide und Krimskrams.

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