Tief hinab und hoch hinauf

Colca Panorama

Der Bus rumpelt über unbefestigte Straßen und sammelt in und zwischen den kleinen Bergdörfern immer mehr Einheimische ein, die mit nach Cabanaconde wollen. Der Ort liegt oberhalb des Colca Canyons, der zu den tiefsten der Welt zählt. Auf den Busmonitoren jaulen Folkloresänger in zu großen Anzügen mit Sängerinnen in Kugelform um die Wette. Seit mehr als zwei Stunden läuft die DVD in Dauerschleife. Ein beherzter Franzose hat zumindest die Lautstärke heruntergedreht. Doch kurz nachdem er ausgestiegen ist, wird der Regler wieder auf Anschlag gedrillt. Um die Wette jaulen, Runde drei.

Gnädig wartet der Fahrer auf ein paar Frauen, die von ihrer Arbeit auf den tiefer gelegenen Terrassenfeldern hergerannt kommen. Nach und nach füllt sich der Bus. Die Frauen tragen traditionelle Kleidung, die sich je nach Herkunftsdorf unterscheidet. Der Einsatz auf den Mais- und Quinoafeldern ist kräftezehrend, wird aber selbst noch im biblischen Alter abgeleistet. Neben jungen lebenslustigen Mädchen lassen sich zahnlose und von Sonne und Alter verschrumpelte Mütterchen in die Sitze plumpsen. Es geht laut und lustig zu.

Als wir in Cabanaconde einfahren regnet es. Die letzten 500 m bis zum finalen Stopp enden in einem von lautem Gehupe untermalten Manöver. Die Gässchen sind viel zu eng, um zwei sich begegnenden Bussen Platz zu bieten. Da Nachgiebigkeit hier aber gerade nicht in Mode ist, muss es dennoch probiert werden.

Empfangen werden wir von zwei äußerst sympathischen Brüdern, die das wohl beste Hostel am Ort leiten. Wir beziehen unser geräumiges Zimmer und machen es uns anschließend bei einem Gläschen Pisco Sour zu Alpacarücken mit Gemüse gemütlich. Die Küche ist ausgezeichnet und die Wanderempfehlungen von Lui sind es ebenfalls. Er drückt uns eine selbstgezeichnete Karte in die Hand, die ein Verlaufen an den folgenden Tagen unmöglich macht. Innerlich verfluchen wir, wieder dem Lonely Planet auf den Leim gegangen zu sein. Der hat uns zum Wanderkartenkauf in eine Agency in Arequipa geschickt. Die viel zu überteuerte Karte ist für unsere Strecke aufgrund des völlig falschen Maßstabs unbrauchbar.

Der Tag beginnt mit einem satten Frühstück auf der Dachterrasse mit 360° Blick über das von grünen Bergen umstandene Dorf. Die Wanderung beginnt ebenfalls mit umwerfenden Ansichten und nach dem einen oder anderen Fehltritt kommen wir langsam in Wanderlaune. Wie nicht anders zu erwarten, wenn es in eine der tiefsten Schluchten geht, wird der Pfad bald sehr steil. Da der Tritt im losen Geröll nicht sonderlich sicher ist, muss sich unser Blick leider von der Ferne lösen und auf den jeweils nächsten halben Meter fixieren. Unser erster Zwischenstopp führt uns noch über den reißenden Río Colca hinweg in ein Nachbartal. Erschöpft erreichen wir die Herberge. Was kann es Schöneres geben, als nach dem Beziehen der winzigen weißgekalkten Berghütte die Klamotten abzustreifen und in die Thermalbecken zu klettern, die den Flusslauf säumen? So verbringen wir einige Stunden bei lockeren Gesprächen mit anderen Reisenden, im Wechselbad zwischen den eisigen Sturzfluten des Flusses und dem 38° heißen Becken.

Erholt gehen wir den zweiten Tag an, zum Glück schon so früh, dass wir mehrere Stunden laufen können, ohne der prallen Sonne ausgesetzt zu sein. Nach Luis Schilderung sollten wir etwa jetzt auf eine Abkürzung stoßen, die wir aber beim besten Willen nicht entdecken können. Weiter unten erkennen wir einen Trampelpfad, der seiner Beschreibung entspricht, aber um dort hinzugelangen geht es steil durch Geröll und Kakteen. Nach einigem Hin und Her schlagen wir den Weg ein und haben Glück. Die Rutschpartie spart uns mindestens eine Stunde Wanderung in praller Sonne. Trotzdem schlängelt sich der Weg vor uns noch etliche Kilometer abwärts. Beim Blick zurück auf die steilen Flanken, über die sich die Pfade wie Narben schlängeln, sind wir schon stolz, es soweit geschafft zu haben.

Wir erreichen die Oase, einen schon aus Ferne und Höhe gut sichtbaren grünen Fleck inmitten der braunen Felsen. Da wir zeitig aufgebrochen sind, haben wir den Pool der Anlage den Nachmittag über für uns allein. Erst zum Einbruch der Dunkelheit füllt sich die Oase mit anderen Wanderern. So haben wir Zeit zum Verschnaufen, Karten spielen und für ein hochverdientes, wenn auch überteuertes, Feierabendbierchen.

Der nächste Tag verheißt nichts Gutes. Schon von den vorangehenden Abschnitten konnten wir den steilen Pfad erkennen, der sich in engen Zickzackkurven den steilen Hang hinauf windet. In weiser Voraussicht pellen wir uns bereits um 4:30 aus der Koje. Das für fünf Uhr angesetzte Frühstück startet dann doch erst eine halbe Stunde später, weil der Koch nach einem Gelage am Vorabend seinem Bett nicht ganz so früh entschlüpfen konnte. Trotzdem schaffen wir es, drei Viertel der Strecke im Schatten zu absolvieren. Zuerst wünschen wir uns zwar, auch auf das Angebot eingegangen zu sein, mit dem Maultier zu reiten. Als uns dann aber die erste Kolonne überholt, können wir an den panischen Minen ablesen, dass sich der Abgrund von der erhabenen Sitzposition aus noch furchteinflößender präsentiert.

Sonnenaufgang beim letzten Anstieg

Sonnenaufgang beim letzten Anstieg

Im Hostel sammeln wir den zurückgelassenen Teil unseres Gepäcks ein. Mit zugekniffener Nase verstaue ich ein Sockenpaar, als hinter mir ein Schrei erschallt. Ich drehe mich um und sehe Bekki bereits in herzlicher Umarmung mit Anna. Dann biegt auch noch Madeleine in den Hinterhof ab und wir sind baff. Vor bald einem Monat haben sich unsere Wege in Sucre getrennt, nachdem wir unvergessliche gemeinsame Wochen in der Atacamawüste und Boliviens Hauptstadt verbracht haben. Die beiden sind zusammen mit Annas Freund auf dem Weg, exakt die Tour durch den Canyon zu machen, die wir soeben abgeschlossen haben. Nur ein Zufall hat sie überhaupt in unser Hostel geführt. Sonst wären wir um wenige Meter aneinander vorbeispaziert. Es gibt viel zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. So richtig können und wollen wir uns noch nicht voneinander trennen. Einen starken Kaffee später sitzen wir dann doch im Bus und machen uns bereit für weitere 18 Stunden Fahrt nach Cusco.

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2 Antworten zu Tief hinab und hoch hinauf

  1. Johannes Malaka schreibt:

    Ich lass euch mal ’nen lieben Gruß da 🙂 Ist nett was von euch zu lesen und die Photos sind super!

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