Im Herzen des Inkareiches

Machu Picchu

Hoch über uns thront der Huayna Picchu und wacht über die vergessene Inkastadt. Von der sehen wir hier unten allerdings noch nichts. Vor uns liegt noch eine Tageswanderung, bis wir Machu Picchu mit eigenen Augen sehen können. Der Weg entlang der Eisenbahnschienen windet sich mit dem Fluss durch die Schlucht. Seit drei Tagen sind wir auf alten Inkapfaden unterwegs.

Da wir nicht nur wandern wollten, haben wir uns für eine alternative Route entschieden, auf der wir uns auch anderen Herausforderungen stellen können. So rauschen wir im Raft den Urubamba herunter und fliegen an der Zipline mit 90 Sachen über die Bananenplantagen im Tal. Wir sind mit einer bunt gemischten Truppe unterwegs und haben am vergangenen Abend zusammen ein paar Bierchen verhaftet, so plagen uns nicht nur die müden Knochen, sondern auch ein etwas schweres Köpfchen. (Den Deminutiv gewöhnt man sich hier in Peru automatisch an, jedes Wort wird verniedlicht, ganz egal ob Substantiv, Verb oder Adjektiv. So hört man z.B. ein „entschuldigüngchen (permisito)“, wenn jemand vorbei möchte, ein „sofortchen (ahorita)“, wenn die Kinder zur Mama sollen, der Kaffee ist „schwarzchen (negrito)“, statt schwarz und es schmerzt eben das „Köpfchen (cabezita)“ und nicht der Kopf.)

Danke an Gabriel für die filmische Zusammenfassung unserer Tour zum Machu Picchu!

Auf dem letzten Abschnitt wächst diese eigenartige Mischung aus Vorfreude, Neugier, Entdeckerdrang und einem Hauch Mystik, angesichts der Stadt, die dort über den Wolken steht, über Jahrhunderte nur den wenigen Quechua-Bauern bekannt, die die Terrassenfelder bestellten. Erst zu Beginn des 20. Jh. wurde Machu Picchu der Weltöffentlichkeit durch die Expedition von Hiram Bingham offenbar. Heute zieht es sage und schreibe 2.000 Personen PRO TAG in den Ort, von denen uns nur einige wenige auf unserem Weg entlang der Bahngleise begegnen; manche freudestrahlend, andere in sich gekehrt. Wir verbringen die Nacht im kleinen Ort Aguas Calientes, der fast versteckt am Ende der Schlucht liegt und deutlich vom Tourismus geprägt ist. Nicht jeder will hier früh ins Bett und so kneten die Bässe der nahen Disco noch bis spät in die Nacht unser fensterloses Herbergszimmer durch. Da wir am nächsten Tag bereits um 4:00 in der Frühe starten wollen, stopfen wir uns die Ohren zu und schlafen dank der Erschöpfung auch schnell ein.

Unsere Weggefährten treffen wir an der Kreuzung. Die lebhaften Gespräche der letzten Tage jetzt von müden Schweigen abgelöst. Noch ist es stockfinster. Unsere Gruppe findet sich als eine der ersten vor der Brücke ein, die den Einlasspunkt zum Weltkulturerbe bildet. In den Händen halten wir die Eintrittskarten, deren Erwerb am Vorabend noch für einigen Wirbel gesorgt hat. Trotz falscher Namen und Passnummern auf den Tickets wird keinem von uns der Zutritt verwehrt. So erklimmen wir schweigend und schwitzend die Stufen des Pfades, hinauf zum Machu Picchu. Jeder läuft für sich und die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sorgen dafür, dass man schon bald den Weg für sich alleine hat. Im Dämmerlicht erheben sich die umliegenden Berge aus den Wolken, die einen sanften Nieselregen herantragen.

Das erste Licht des Tages beim Aufstieg

Das erste Licht des Tages beim Aufstieg

Das erste, was wir vor den Toren der Stadt spüren, ist die Kälte. Die Ruinen stehen im dichten Nebel, nur die Lamas sind zu sehen, wie sie auf den Terrassen grasen. Staunend schlendern wir zwischen den Wohntrakten, Vorratshäusern, Tempeln und Opferstellen hindurch. Wie so vieles, was wir in Arequipa und Cusco über die Inkakultur gehört haben, wiedersprechen sich auch die Informationen, die wir hier bekommen. Fast scheint es, als würde dieser faszinierenden Hochkultur des 15. Jahrhunderts bei jeder Führung, in jedem Museum und jeder Broschüre ein eigenes Detail hinzugedichtet werden. Wir wissen schon lange nicht mehr, wo die wissenschaftlichen Erkenntnisse enden und Fantasie und Spekulation das Heft in die Hand nehmen. In vielen Punkten kommen aber auch Archäologen und Anthropologen nicht zu einheitlichen Schlüssen. So bleibt eben jedem sein eigenes Stückchen Wahrheit.

Immer dann, wenn der Wind die Wolken davon treibt und den Blick ins Tal freigibt, wird uns die Einzigartigkeit dieser Lage bewusst. Vom Tal aus fast nicht zu erkennen, breiten sich vor uns die etagenartigen Terrassenfelder aus, durch kluge Anlage gut drainiert und über die Jahrhunderte erhalten. Über diesen stehen die Gebäude, Stein für Stein passgenau aufgeschichtet.

Uns fasziniert vor allem das Rätsel über den Zweck, den die Stadt erfüllen sollte und die Frage danach, warum sie nie vollständig fertig gestellt wurde. Fast sehen wir die Arbeiter vor uns, wie sie die schweren Granitbrocken aus dem Felsen hauen. Waren es nun Sklaven, wie manche behaupten? Oder Jugendliche, die für ihren Dienst mit Land, Haus und Sicherheit entlohnt wurden, wie andere sagen? Welcher Techniken und Werkzeuge bedienten sie sich? Hätte man auf alle Fragen eine Antwort, so würde der Ort wohl einen Großteil seiner Faszination einbüßen.

Machu Picchu in all seiner Pracht

Machu Picchu in all seiner Pracht

Gegen Mittag wächst die Masse der Touristen auf ihr Maximum an. Ein Geschiebe und Gedränge setzt ein um die besten Fotoszenen. Nur an den abgelegenen Bauwerken hat man Ruhe vor dem Sturm, auch wenn wir bei der Wanderung entlang der steilen Flanken vom einsetzen Regen ordentlich gewaschen werden. Mit unfreundlichen Besuchern und den unsäglichen Selfie-Sticks verliert der Ort seinen Reiz und wir machen uns am frühen Nachmittag zum Abstieg bereit. So bleibt genug Zeit, zu Fuße der malerischen Kulisse unser Zelt aufzuschlagen.

Zelten zu Fuße des Weltkulturerbes

Zelten zu Fuße des Weltkulturerbes

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6 Antworten zu Im Herzen des Inkareiches

  1. blogbert schreibt:

    Dr. Juan de Fucael, das sind aber stramme „Wädelchen“, die du uns dort präsentierst – beeindruckend! Vielen Dank für die tollen Fotos und bunten Beschreibungen, es macht Spaß eure Texte zu lesen.
    Leider lässt die GEMA uns euer Video nicht sehen.

    • Michael schreibt:

      Ja und man mag es kaum glauben, die Plauze is auch weg! Mit dem Video muss ich mal sehen. Grad gibts keine Möglichkeit, aber ich werde mal probieren das von einem deutschen Account hochzuladen.

  2. Betsy schreibt:

    Video ist in Deutschland nicht verfügbar! Grrr…
    Schöne Bilder – wo seid ihr mittlerweile? 🙂

    • Michael schreibt:

      Argh, den Länderfirlefanz bei Youtube hatte ich nicht auf dem Zettel. Ich werde mal sehen, welche andere Möglichkeit es gibt das Video einzubinden. Wir sind jetzt in Lima und werden wohl morgen Richtung Norden aufbrechen.

      • David schreibt:

        MyVideo.de (pro7) hat im Gegensatz zu YouTube eine Einigung mit der Gema.

    • Rebekka schreibt:

      Ja Betsy, ab jetzt unbekanntes Terrain für dich 🙂

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