Iquitos – Moskitos – Regenwald

AmazonasAuf einer langen Reise, bei der eine schöne Landschaft die andere übertrumpft, stumpft man in gewisser Weise ab. Manche Kleinigkeiten sind schon so vertraut geworden, dass uns der Kontrast zum Gewohnten gar nicht mehr auffällt. Hier ist das definitiv nicht der Fall. Wir sind am AMAZONAS! Mit über 7.000 km ist er der längste Fluss der Welt. An seiner breitesten Stelle misst er 240 km. Unglaubliche Dimensionen.

Das Wasser, das hier in Iquitos an uns vorbeizieht, befindet sich noch ganz am Anfang der langen Reise durch Peru und Brasilien, bis es den Atlantik erreicht. Iquitos liegt mitten im Regenwald und ist nur per Boot oder Flugzeug zu erreichen. Mit über 300.000 Einwohnern ist es eine ansehnliche Stadt und hat fast alle Annehmlichkeiten, die das Stadtleben mit sich bringt. Fast könnte man vergessen, in welch exotischer Lage auf dem Globus man sich befindet. Das schwüle Klima, die plötzlich einsetzenden Wolkenbrüche und die Moskitos fühlen sich dann aber doch tropisch an.

Der Mai ist der letzte Monat der Regenzeit, weshalb der Wasserpegel des Amazonas momentan 14 Meter höher liegt, als in der Trockenzeit. Dadurch ergeben sich in Belén, dem Armenviertel von Iquitos, und einigen Dörfern im Regenwald für uns ungewohnte Zustände. Viele Häuser stehen metertief im Wasser. Häufig kann man das Erdgeschoss nicht mehr sehen, teilweise ragen nur noch Dächer aus den Wassermassen. Für die Bewohner, die ihre Häuser deshalb nicht mehr bewohnen können, stellt die Regierung kostenlos Zelte am Straßenrand in Zentrumsnähe auf. Diese Straßenabschnitte wirken wie Flüchtlingslager. Doch die meisten Häuser werden trotz Überflutung weiter bewohnt. Die erste Etage wird einfach zum Erdgeschoss umfunktioniert oder es wird mit überflutetem Fußboden gelebt. Hängematten und Gummistiefel gehören zur Grundausrüstung. Einige Häuser wurden vorausschauend auf Baumstämmen errichtet und schwimmen auf dem Wasser. Die Fortbewegung ist nur mit Kanus und Booten möglich.

Auch wir sitzen sehr oft in schwimmenden Holzschalen. Mal ist es ein großes Boot mit Palmenblätterdach und Sitzbank, mal ein kleines Kanu, das nur knapp über der Wasseroberfläche liegt. Vier Tage schippern wir mit unserem Führer Neil über den Amazonas und durch dessen Einzugsgebiet, um den Regenwald mit seiner vielfältigen Flora und Fauna kennenzulernen. Dafür quartieren wir uns zunächst fern von der Stadt in einer Lodge am Ufer des Amazonas ein. Unser Zimmer besteht aus einem Holzboden und Wänden aus Moskitonetzen. Ein Dach aus Palmenblättern schützt uns vor den Regengüssen. Unter uns und um uns ist Wasser. Ohne ein Boot können wir uns nur zwischen unserem Zimmer und dem Aufenthaltsraum bewegen. Das fordert uns einige Kreativität ab, um die freie Zeit zwischen unseren Ausflügen in die Umgebung zu überbrücken. In Tan, dem Hund, haben wir einen dankbaren Spielgefährten gefunden, wenn er sich nicht gerade übergibt, weil er zu viele Seerosen gefressen hat. Auch ihm fehlt der Auslauf. Tan ist der Fünfte im Bunde der Männer-WG, die diese Lodge dauerhaft bewohnt und betreibt. Dazu gehört auch der Abuelo (Opa), der den ganzen Tag am Geländer lehnt und auf seinen Einsatz wartet: wenn ein Boot anlegt, bindet er es fest; der wortkarge Koch, der sich mit Gummistiefeln ausgerüstet fast ausschließlich in seiner überfluteten Küche aufhält; Teddy, der schüchterne zweite Koch, der Angst vor Hunden und Kühen hat und schließlich Junior mit Schuhgröße 36, der durch seinen schielenden Blick die Boote im Zickzack-Kurs manövriert und einen zehn Mal am Tag freundlich grüßt.

Nachts ist der Geräuschpegel höher als in der Stadt. Frösche, Ratten, Insekten und Affen übertrumpfen sich in ihrer Lautstärke bis sie morgens unter dem Gezwitscher der Vögel verstummen. Wir schlafen bei der frischen Luft hervorragend. Daran ändert auch unsere Nacht unter freiem Himmel nichts. Die Lodge war bereits ein Erlebnis, aber wir wollen noch eins drauf setzen und fahren mit dem Kanu tiefer in den Regenwald. Hier liegt ein Teil des Waldes über dem Wasserspiegel und wir haben wieder festen Boden unter den Füßen. Irgendwo zwischen den Palmen errichten wir unser Lager. Dieses besteht aus Palmenzweigen als Unterlage, einer Matratze, einem Moskitonetz und einer Plastikplane. Auf einem kleinen Lagerfeuer kocht uns Teddy Hühnchen mit Reis in einer großen Pfanne. Dadurch, dass wir die Strecke hierher hauptsächlich mit dem Boot zurückgelegt haben, konnten wir einiges an Equipment transportieren. Luxus in all seiner Schlichtheit. Ja, wir schlafen mitten im Regenwald, nur von einem Moskitonetz umgeben. Aber wir schlafen auf Matratzen, kochen in einer großen Pfanne und essen von Porzellantellern. Unsere Campingausrüstung sieht gewöhnlich anders aus.

Nach Einbruch der Dunkelheit starten wir eine Erkundungstour durch den Dschungel. Ohne Neil wären wir schon nach wenigen Schritten verloren. Er geht voraus und untersucht genau jeden Stamm und jedes Blatt. Überall sitzen mal kleine, mal große haarige Spinnen in ihren individuellen Netzkreationen. Eine Schlange begegnet uns allerdings, zur Enttäuschung des einen (Micha) und zur Erleichterung der anderen (Bekki) nicht. Nur einmal kommen wir einer Anakonda in freier Wildbahn recht nahe, als diese vom Grund des Wassers aufsteigt um Luft zu holen. Viel sehen konnte man allerdings nicht.

In den vier Tagen besuchen wir indigene Stämme, die uns alte Rituale und Bräuche erklären und Tänze vorführen. Außerdem beobachten wir einige Affen, wie sie durch die Bäume toben oder Früchte essen und sehen viele wunderschöne, bunte Vögel aus nächster Nähe. Umso trauriger machen uns manche der „Tieraufzuchtstationen“, die sich in Tagesausflugsdistanz zu Iquitos befinden. Hier werden Papageien und Tucanen die Flügel abgeschnitten, Faultiere werden den Touristen für ein Foto gereicht und Affenbabys der Mutter weggenommen und an Menschen gewöhnt. Alles für den Touristen, der in kurzer Zeit möglichst viele Tiere sehen möchte. Dass Faultiere 20 Stunden Schlaf pro Tag benötigen, um ihre Nahrung zu verdauen oder Schlangen sich nicht mehr häuten können, wenn sie ständig in Kontakt mit dem Antiinsektenmittel auf menschlicher Haut kommen, wird vernachlässigt. Es geht aber auch anders. Ganz in der Nähe von Iquitos gibt es eine wirkliche Tieraufzuchtstation, die von Gudrun, einer Österreicherin, aufgebaut wurde. Angefangen hat sie mit Schmetterlingen, weshalb die Station den Namen Mariposario trägt. Auch heute noch werden hier bedrohte Schmetterlingsarten aufgezogen und zum Teil in die Freiheit entlassen. Über die Jahre haben sich aber auch einige andere Tiere hier eingefunden, wie beispielsweise ein Jaguar, der als Baby eines Morgens in einem Körbchen vor Gudruns Tür lag. Genauso wie ein Ozelot mit wunderschönen großen Augen und einzigartigem Fell.

Unsere Streifzüge per Boot führen uns durch Schleichwege zu einer Art Lagune. Hier treiben wir langsam über das ruhig daliegende Wasser und sagen einfach mal nichts. Unglaublich, wie viele Tiere sich in den Bäumen tummeln. Auf der Wasseroberfläche schwimmen Seerosen und salatartige Blätter, um jeden Baumstamm winden sich Lianen und Farne, und über allem bilden die Baumkronen ein Dach. Jedes Detail wird von der Natur ausgenutzt. In den Stacheln der Palmen bauen Spinnen ihre Netze, in einem aufgerollten Blatt legen Insekten ihre Eier ab und in abgestorbenen Baumstämmen hausen Ameisen.

Wir versuchen uns für das Abendessen nützlich zu machen und gehen mit einer gebastelten Angel und Hühnerhautstückchen Piranhas fischen. Leider sind diese Fische zu schnell für uns, wir fangen nur einen einzigen. Spaß macht es trotzdem. Ein spannendes Gefühl, wenn etwas an der Angelschnur knabbert und der Hühnerhautfetzen innerhalb weniger Sekunden verschwunden ist. Und umso mutiger, dass Micha ein paar Stunden später im selben Fluss schwimmen geht. Aber er hat einen guten Grund: mit ihm schwimmen rosane und graue Delphine im Amazonas, der jetzt gerade nicht mehr braun ist, sondern in vielen Rot- und Gelbtönen unter dem Sonnenuntergang erstrahlt.

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