Momente in Mompiche

Sunset

In den vergangenen vier Monaten haben wir uns nur an wenigen Orten länger als zwei oder drei Tage aufgehalten. Ab einem gewissen Punkt sehnt man sich bewusst oder unbewusst nach etwas Sesshaftigkeit. Aus diesem Grund haben wir uns nach Mompiche begeben, einem Fischerdorf an der ecuadorianischen Pazifikküste. Hier tauschen wir das Travelerdasein gegen ein Leben mit Arbeit und einem festen Wohnort, wenn auch nur für zwei Wochen.

Am südlichsten Ende des Strandes, begrenzt von wild überwucherten Klippen auf der einen und einer flachen Flussmündung auf der anderen Seite, lag einst ein idyllisches Öko-Hotel mit lauter kleinen Strandhütten, die sich unter die riesigen Palmen duckten. Dann kam ein Sturm und brachte fürchterliche Wellen mit, die nichts übrigließen als ein paar Palmstümpfe und zwei halbe Hütten. Das Hotel wurde aufgegeben, doch die Administratorin, Fabiola, blieb und richtete mit bescheidenen Mitteln den Ort für neue Gäste her. Bei denen handelt es sich jedoch nicht um zahlungskräftige Pauschalurlauber, sondern um verstoßene und misshandelte Tiere. Hier packen wir tatkräftig mit an und können dafür in einer der verbliebenen Hütten wohnen.

Champions

Am Tag unserer Ankunft stehen wir in einem der kleinen Läden, die sich hier entlang der Sandpiste aufreihen und überlegen, was wir für die nächsten Tage noch brauchen. Mitten in die Überlegung hinein werde ich von hinten umgerannt und jemand hält mir die Augen zu. Komisch. Bekki wäre die einzige, die für solche Faxen gerade in Frage kommt – und die steht neben mir. Etwas verdattert befreie ich mich aus dem Griff und habe Julie im Arm. Sie und ihr Freund Ulrik, zwei unserer Weggefährten der Machu Picchu-Wanderung, die wir auch schon in Lima wiedergetroffen hatten, arbeiten ebenfalls als Freiwillige im Dorf. Die Welt ist klein und die Gringotrails über den Südamerikanischen Kontinent sind schmal. Am kommenden Tag läuft das Champions League Finale dank Zeitverschiebung schon ab 13:30. Also findet sich um die Mittagszeit das ganze Dorf in einer Kneipe mit Fernseher ein. Hier scheint sich auch keiner daran zu stören, dass die meisten ihre eigenen Getränke und sogar Sitzgelegenheiten dabei haben. Anstoß! Keine fünf Minuten sind gespielt, als der Fernseher schwarz wird. Strom ist weg, teilt der Wirt mit. Und dann sieht man die ganze Versammlung mitsamt ihrer Stühle das Haus verlassen und zur Nachbarskneipe marschieren. Wir machen es uns auf Ulriks Bänkchen bequem und sehen Suarez und Kollegen dabei zu, wie sie den Italienern das Leder ins Netz prellen.

CL Finale am Mittag

CL Finale am Mittag

Zu dritt im Bett

Die Moskitos treiben einen hier zum Wahnsinn. Und da sie nicht nur fürchterlich nerven, sondern zudem auch das Dengue-Fieber und andere Gemeinheiten mitbringen, fummeln wir lieber schnell unser Moskitonetz über dem Bett fest. In der Nacht wache ich auf und wundere mich über die neuen Stiche und darüber, dass kaum noch Platz im Bett ist. Verschlafen taste ich in der Finsternis um mich herum. Bekki braucht nicht mehr Raum als sonst. Am Fußende werde ich fündig. Eine der 15 Katzen hat sich auf der Matratze breit gemacht und dabei nach Kräften das Netz heruntergewurschtelt. Der Versuch sie vom Bett zu befördern hat nur kurzzeitig Erfolg. Nach wenigen Minuten kuschelt sich wieder ein flauschiges Etwas an meine Füße.

Zelt auf dem Bett - Probleme gelöst

Zelt auf dem Bett – Probleme gelöst

Jetzt steht unser Zelt auf dem Bett. So ist Platz für alle drei und die Moskitos kommen trotzdem nicht an uns heran.  

Netzwerken

Dunkel liegt der nächtliche Pazifik vor uns. Es ist Ebbe und die Wellen branden weit draußen. Noch ist nichts von Carlos zu sehen. Wir sitzen auf unserer Veranda und genießen die Brise, die uns die Hitze des Tages abschütteln hilft. Als in der Ferne zwei rot und blau blinkende Lichter auftauchen, machen wir uns auf, um das Fischerboot in Empfang zu nehmen. Jetzt, wo wir die Handgriffe kennen, stellt sich fast so etwas wie Routine ein. Auf alten Baumstämmen rollen wir das schwere Boot an den Strand. Die Netze sind prall, ob sich der Fang auch gelohnt hat, kann man jetzt noch nicht sagen.

Zurzeit ist Garnelensaison, weswegen Fischer aus der ganzen Küstenregion hierherkommen. Ein halbes Kilo der prallen Camarones lässt sich für 5 US-Dollar an den Mann bringen. Deshalb bewohnt auch Carlos für drei Monate die windschiefe Hütte neben uns am Strand. Quer über dem Boot liegt ein Ruder, über das die Netze gezogen werden. Früher dachte ich immer, man müsse ein Netz nur öffnen, um den ganzen Fang ins Boot flutschen zu lassen. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt. Jede Garnele, jeder Fisch und jede Krabbe muss einzeln aus den Nylonmaschen geknotet werden. Garnelen haben einen spitzen Dorn an ihrer Hinterseite und die Fische, die als Beifang im Netz landen, stehen denen mit ihren stechenden Flossen in nichts nach. Es ist bewundernswert mit welcher Geschicklichkeit Carlos die hoffnungslos verknotet wirkenden Maschen öffnet. Wir haben schon einiges gelernt und brauchen nur noch einen Bruchteil der Zeit unserer ersten Versuche, aber staunen müssen wir darüber immer noch. Für unsere Hilfe beim Leeren der Netze bekommen wir den Beifang, der an manchen Abenden größer ist, als die Garnelenausbeute. Meist gehen wir mit einem fast vollen 10 Liter Eimer voller Fisch davon. An guten Abenden gibt Carlos noch einen ganzen Batzen Camarones obendrauf. So haben wir dank Fabiolas Kochkünsten jeden Tag ein leckeres Fischgericht auf dem Teller und der Fang reicht auch noch für die 16 Hunde und 15 Katzen.

Chocolate

Im Dorf wimmelt es von Aussteigern aller Art und Provenienz. Besonders beliebt scheint Mompiche bei US-Amerikanern und Argentiniern zu sein. Drei der Argentinier betreiben das kleine Café ‚La Chocolate‘ mit winziger Backstube und dem besten WLAN im Dorf. Um ein Brot kaufen zu können, oder seine Emails checken zu können, sollte man jedoch den Gezeitenkalender studiert haben. Immer, wenn draußen die Wellen brechen, dann sind die drei auf ihren Brettern unterwegs und der Laden ist geschlossen.

Autsch

Wie jeden Morgen in den vergangenen zwei Wochen watschel ich um kurz vor 7 aus der Strandhütte und stürze mich in den frischen Pazifik. Heute soll unser letzter Arbeitstag in Fabiolas Tierasyl sein. Fast etwas wehmütig tauche ich unter den Wellen hindurch und schwimme den Fischerbooten entgegen. Als ich umdrehe, bin ich schon wieder angenehm wach und habe Lust, bei Kaffee und Schokobrötchen in den Tag zu starten. Der Strand führt hier sehr flach ins Meer und man hat schon weit vom Ufer entfernt wieder Boden unter den Füßen. So wate ich durch die Strömung zurück, als mich ein fürchterlicher Schmerz durchfährt. Humpelnd begebe ich mich zur Strandhütte. Dort betrachte ich das Ganze etwas genauer und sehe aus einem kleinen Loch am Fuß Blut auf die Holzplanken tropfen. Zu diesem Zeitpunkt kann ich den Fuß kaum noch anwinkeln. Als ich fünf Minuten später aus der Dusche stolpere, ist der Fuß um den Stich herum tiefblau und geschwollen. Eine Krebsschere wird das nicht gewesen sein, wie ich zuerst dachte. Inzwischen hat auch Fabiola mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Sie wirft nur einen Blick auf meinen Fuß und weiß Bescheid. „Das war ein Stachelrochen, mach dich auf Schmerzen gefasst.“ Fachmännisch trägt sie Rebekka auf, eine trockene Kokosnuss zu holen. Der Rauch der angesengten Fasern soll den Schmerz betäuben. Sie presst mir heiße Zitronen auf den Fuß und ich kralle mich an der Stuhllehne fest. An die Minuten danach kann ich mich nur noch vage erinnern. Schmerzverkrümmt liege ich auf der Veranda, während Bekki mit einem kaputten Feuerzeug und den Fetzen meines Notizheftchens die Kokosfasern bei Laune hält. In den folgenden Stunden liege ich stöhnend auf dem Bett und durchlaufe das, was ich in meinem persönlichen Ranking der fiesesten Schmerzen auf Platz zwei – nach der Augen-OP und vor dem Bänderriss – einordnen würde. Als ich nach zwei Stunden aus einem wirren Schlaf erwache, ist der Schmerz fast vollständig weg und ich kann den Fuß beinahe normal bewegen. Was für eine eigenartige Episode. Die Abfahrt verschieben wir dann lieber doch noch um einen Tag.

Der Kokosqualm hat die Schmerzen tatsächlich ein wenig gelindert

Der Kokosqualm hat die Schmerzen tatsächlich ein wenig gelindert

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