Blaue Füße

Blaufußtölpel

Mit über 20 Knoten pflügt unser Schnellboot durch den Ozean. Die Wogen türmen sich pyramidenartig im goldenen Morgenlicht. Das Festland schrumpft am Horizont zu einer schmalen Linie zusammen, die wenig später ganz im dunklen blau der Wellenberge versinkt. Während die Gedanken mit den Wellen in die Unendlichkeit treiben, tauchen umkreist von unzähligen Seevögeln vor uns die gleißend hellen Klippen der Silberinsel, Isla de la Plata, auf.

Noch eine Stunde zuvor sind wir in Puerto Lopez ahnungslos und müde aus dem Bus gehopst. Hinter uns lag ein Tag mit bösen Überraschungen und eine kurze Nacht in der Wäschekammer auf dem Dach eines Hostels in der Industriestadt Manta. Als wir aus dem Terminal getrottet kamen, hatten wir keine Ahnung,  was der Tag für uns bereithalten würde. Doch dann kam Hector mit seinem Mototaxi um die Ecke gebrettert. Er setzte uns an einem Hostel ab, was sich als Glücksgriff entpuppte, fuhr uns zum Bäcker und zum Geldautomaten. Während wir in Windeseile alles Notwendige zusammenrafften, knatterte er bereits weiter und regelte unseren Ausflug zur Silberinsel. Als wir zum Abschied einklatschten, wollte er nicht einmal Geld für all die Extrafahrten – die Provisionen vom Hostel und der Reiseagentur waren ihm Lohn genug.

Jetzt schnuppern wir die frische Seeluft und wischen uns nach jedem Hopser in ein Wellental die Gischt aus dem Gesicht. Während neben uns die Fregattvögel wie Pfeile ins Meer rauschen, drosselt der Kapitän die Fahrt und wir dümpeln in das smaragdgrüne Wasser vor dem Strand der Insel. Wie auf Kommando wird unser Boot von der Tierwelt in Empfang genommen. Majestätisch zieht ein Manta Rochen knapp unter der Wasseroberfläche vorüber. Kurz nach ihm tauchen drei gewaltige Meeresschildkröten auf und beäugen neugierig unser Treiben.

Die Wanderung auf die andere Inselseite ist nicht weniger beeindruckend. Durch knochentrockene buschartige Vegetation machen wir uns bei Windstille und drückender Hitze auf den Weg. Die Regenzeit ist hier in diesem Jahr ganz und gar nicht ergiebig gewesen, fast alles um uns herum wirkt leblos. Die verschiedenen Baumarten und Sträucher sind aber keineswegs tot. Ihr Wurzelwerk reicht zum Teil bis zu zwanzig Meter tief in den Untergrund. Sobald hier wieder ein paar Tropfen Regen fallen, wird alles in einem lebhaften grün erstrahlen.

Von allen Seiten hören wir es pfeifen und keckern, untrügliche Zeichen dafür, dass die Blaufußtölpel umeinander werben. Zum Teil ist das Liebespiel schon abgeschlossen und man sieht diese drolligen Vögel paarweise durch das Gehölz watscheln und nach einem Nistplatz suchen. Wie um zu beweisen, dass sie nicht nur die putzigen Plattfüße sind, heben sie sich an der Steilküste in die Luft und fliegen, die blauen Treter nach hinten geklappt, den Wellen entgegen.

Wir stehen oberhalb der Klippen und müssen erst einmal Luft holen, angesichts des Schauspiels, das sich dort vor uns ausbreitet. Weiß schäumend brechen sich die Wellen an den zackigen, algenüberwucherten Felsen; der Wind weht die Hitze fort und trägt die Rufe der verschiedenen Vogelarten heran. Schweift der Blick weiter, dann schmiegen sich weiße Strände zwischen die Klippen und in den ruhigen Stellen laufen sich die Wogen als dünne weiße Streifen im türkisenen Wasser aus.

Als wir dort hinunter sehen, taucht ein dunkler Schatten auf und schwebt keine zwanzig Meter vom Strand entfernt über den Meeresboden. Eigentlich weiß man ja, dass Haie auch in so flachen Gewässern auf Beutefang gehen, aber sie dann doch so nahe am Ufer zu sehen, lässt uns einen Schauder über den Rücken laufen.

Wir stärken uns mit Obst und Sandwiches, während wir mit dem Boot an den Klippen vorbeiziehen. An einer Stelle mit weniger Wellengang gehen wir vor Anker und hüpfen einer nach dem anderen in die Fluten. Vor unseren Taucherbrillen tut sich zunächst nicht viel im tiefen Blau. Fast enttäuscht schnorcheln wir den Felsen entgegen und plötzlich explodiert die Pracht förmlich vor unseren Augen. Große und kleine, gestreifte, gepunktete und völlig farblose Fische tanzen dort durch die Korallen oder lassen sich in Schwärmen mit der Strömung hin und her spülen. Es scheint, als wären sie von unserer Präsenz völlig unbeeindruckt. Als wir die Luft anhalten und zwischen den Korallen hinabtauchen, schließt sich die Schönheit um uns herum. Nach zwei, drei Zügen wirbelt eine Welle den Sand auf und man sieht nicht mehr viel. Als die Strömung die Sicht wieder klärt, dringen die Sonnenstrahlen in Bündeln durch die Wasseroberfläche und ich sehe, dass ich mitten in einem Schwarm kleiner Fische schwimme. Unter, über, neben mir glitzert es im Sonnenlicht und ich bin traurig, dass ich mangels Kiemen nicht länger mithalten kann. Erst als wir vor Kälte zu zittern beginnen, schwimmen wir zum Boot zurück.

Brille auf und ab in die Fluten

Brille auf und ab in die Fluten

Der Rückweg wird noch robuster, als die Herfahrt. Der Seegang schleudert uns auf den Sitzbänken hin und her, während die Kälte uns unter die Schwimmwesten kriecht. Vom Festland ziehen Wolken auf und das Blau des Ozeans wird langsam zu einem Graugrün. Auf einmal zieht der Kapitän eine scharfe Kurve, so dass wir fast von den Bänken fallen, und drosselt abrupt die beiden starken Außenbordmotoren. Aufgeregt zeigt er nach Steuerbord, wo diesige Nebel zwischen den Wellen auftauchen, in denen sich das Licht der untergehenden Sonne zu kleinen Regenbögen bricht. Mächtige schiefergraue Rücken gleiten langsam auf uns zu, bis sie kurz vor unserem Boot in die Tiefe abtauchen. Buckelwale! Die Giganten sind erst vor wenigen Tagen hier vor der Küste aufgetaucht, wo sie sich in den nächsten Monaten paaren werden.

Jetzt heißt es warten, der Tauchgang von Buckelwalen kann fast eine halbe Stunde dauern. Wir schaukeln auf den Wellen hin und her, als auf der anderen Seite noch weitere Wale herangeschwommen kommen und uns beim Abtauchen ihre mächtigen Schwanzflossen präsentieren. Jetzt haben alle fröhliche Mienen, selbst diejenigen, deren Gesichtsfarbe sich während der rabiaten Fahrt der Tönung des Ozeans angepasst hat.

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Eine Antwort zu Blaue Füße

  1. Betsy schreibt:

    Fabian fragt, ob der Anfang aus nem Historienroman abgeschrieben ist! Viele Grüße vom Game of Thrones schauen. Das hat landschaftlich auch was zu bieten. 🙂

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