Pulverfass

Plattentektonik

Wir sitzen auf der hölzernen Veranda im dritten Stockwerk unserer Herberge, einer kolonialzeitlichen Villa im kolumbianischen Pasto, als das Haus unter einem dumpfen Grollen zu schwanken beginnt. Mehrere Sekunden zittert der Boden unter unseren Füßen und es dringen ängstliche Schreie in mehreren Sprachen zu uns hinauf. Der Südamerikanische Kontinent ist eine der seismisch aktivsten Regionen unserer Erde und wir erleben gerade das zweite Erdbeben auf unserer Reise. Wie Javier in Santiago de Chile so schön sagte: „Wenn ihr die Einheimischen nicht panisch auf die Straße rennen seht, dann macht euch keine Sorgen.“ Die Coolness muss man sich trotzdem erst einmal antrainieren.

An der Westküste des Kontinents prallen zwei tektonische Platten aufeinander, wobei die dichtere und somit ‚schwerere‘ ozeanische Nazca-Platte unter der kontinentalen Amerikanischen Platte abtaucht. Das baut Spannungen auf, die sich in gewaltigen Erdbeben entladen können (so zum Beispiel 2010 in Chile). Da bei der sogenannten Subduktion ozeanischer Platten auch Wasser und jede Menge anderer volatiler Bestandteile mit ins Erdinnere gezogen werden, bilden sich an der Oberfläche Vulkane, aus denen das flüssige Gestein in Form von Lava wieder an die Oberfläche gelangt. Durch diese Prozesse ist die Gebirgskette der Anden entstanden, die sich wie ein Rückgrat den ganzen Kontinent entlang zieht. Angesichts der Schönheit der auf diese Weise geschaffenen Landschaften macht man sich über das gewaltige Zerstörungspotenzial oft nur wenige Gedanken.

Es sind aber nicht nur Erdbeben und Vulkanausbrüche, die das Aussehen vieler Gebiete ständig verändern und dabei dem Menschen und der von ihm geschaffenen Infrastruktur gefährlich werden. Auch das sollen wir am eigenen Leib erfahren.

In Baños de Agua Santa südlich von Quito, der Hauptstadt Ecuadors, regnet es. Zu dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Dank unserer Regenjacken und-hosen fühlen wir uns dem erfrischenden Wetter gut gewappnet. Bei leichtem Nieseln steigen wir auf die Fahrräder und strampeln in Richtung Ortsausgang. Die kurvenreiche Bergstraße, die wir an diesem Tag erradeln wollen führt entlang mächtiger Wasserfälle, die sich in den rauschenden Río Pastaza ergießen. Es geht abwärts und wir genießen den kühlen Fahrtwind im Gesicht. Immer wieder halten wir an, um zuzusehen wie die braun gurgelnden Massen ins Tal donnern.

Nach nicht einmal einer Stunde Fahrt dann Bremslichter hinter der Kurve. Wir rollen an einer Kolonne von Fahrzeugen vorbei, deren Insassen sich – so scheint es – auf einen längeren Halt eingestellt haben. Nach der nächsten Biegung sehen wir den Grund dafür. Mannshoch türmt sich der Berg aus Schlamm, Felsbrocken und Baumstämmen, der die Straße unter sich begraben hat. Eine zähe Masse, die alles übergießt und der man, einmal hineingetreten, nur mit Mühe und schmatzenden Schritten wieder entkommt. Während von der anderen Seite bereits ein Bagger Schaufel um Schaufel den Matsch in den Abgrund kippt, stehen diesseits die Menschen in einer Traube zusammen und sehen dem Treiben zu. Zwar haben die Sicherheitskräfte ein Absperrband aufgehängt, aber das scheint niemanden wirklich zu interessieren. Die Missachtung dieser Weisung wird von den Polizisten auch völlig gleichgültig hingenommen. Die meisten von ihnen sind sowieso in Gespräche mit den Schaulustigen vertieft. Wir trauen uns durch die allgemeine Lässigkeit ermutigt auch immer näher an das Geschehen heran, als mit Gepolter eine weitere Schlamm- und Gerölllawine heruntergerauscht kommt. Jetzt bricht Panik aus und jeder rennt so schnell er kann, wir nehmen besser auch die Beine in die Hand. Der Hang ist weit oben ins Rutschen geraten und hat eine tiefe Schneise in die Flanke des Berges gerissen. Mittlerweile sind drei Bagger im Einsatz und schieben oder ziehen die verkeilten Stämme mitsamt der schlammigen Fracht von der Fahrbahn. Nach Stunden liegt nur noch ein riesiger Felsbrocken auf dem Asphalt, den einer der Schaufellader unter der Aufbietung all seiner Kraft herumzustoßen versucht. Der einzelne Herr, der wichtigtuerisch den Einsatz zu dirigieren versucht, wirkt deplatziert und in keiner Weise hilfreich. Doch plötzlich schreit er auf und gibt dem Baggerfahrer wild gestikulierend Alarm. Der rast im Rückwärtsgang davon und entkommt nur knapp der Wucht der abermaligen Hangrutschung. Nun ist die Straße wieder begraben und wir haben genug. Ein paar hundert Meter zurück sammelt uns ein Geländewagen mitsamt unserer Räder ein. Auf der Ladefläche stehend rasen wir durch den Regen zurück nach Baños. Der Weg führt durch mehrere Tunnel, die durch das Gestein getrieben wurden, ohne dass man sich Gedanken über eine Abdichtung gemacht hätte. So rauscht auch hier das Wasser kübelweise durch die Felsen auf den unbeleuchteten Boden und hinterlässt nach den Erlebnissen dieses Tages ein mulmiges Gefühl.

Dass es durchaus auch ein menschengemachtes Pulverfass ist, auf dem wir hier sitzen, offenbart sich uns sprichwörtlich, als wir nach Kolumbien einreisen und die Busfahrt durch die idyllische Region Cauca für eine Mittagspause unterbrechen. Im Fernsehen laufen die Bilder von Soldaten in Endlosschleife, die einen Bus voller Sprengstoff auf just unserer Strecke gestoppt haben. Die vielversprechenden Friedensverhandlungen der kolumbianischen Regierung mit den Guerilleros der FARC wurden abgebrochen und die Spirale der Gewalt beginnt sich erneut zu drehen.

Trotz oder gerade wegen dieser vielen Facetten der ständigen Gefahr beeindruckt die Mentalität der Menschen, die ihr ständig ausgesetzt sind. Selbst in den brenzligsten Situationen wird selten unnötig Angst verbreitet. Das trifft auf die Picknickatmosphäre neben der Schlammlawine ebenso zu wie auf die Sicherheitskontrolle. Hier steigt ein bis an die Zähne bewaffneter Polizist in den Bus und verlangt mit strenger Mine die Ausweise. Als wir ihm ein Kompliment für sein gutes Englisch machen, ist er plötzlich der schüchterne Jugendliche, der rot wird und ein Zahnspangenlächeln preisgibt. Beim Aussteigen verabschiedet er sich freundlich und wünscht uns alles Gute. Es sind die ersten Eindrücke aus Kolumbien, die offenbaren, dass der hasserfüllten Gewalt eine fröhliche Offenheit entgegengesetzt wird. In keinem anderen Land wurden wir so überschwänglich und herzlich in Empfang genommen wie hier. Da wird man auf dem Weg zur Toilette aufgehalten, weil eine freundliche Dame einen begrüßt wie einen alten Bekannten und die Freude darüber zum Ausdruck bringt, dass man ihr Land bereist. Und es dauert einen kleinen Moment ehe wir realisieren, dass es keinesfalls ironisch gemeint ist, als wir aus der morgendlichen Schlange der Armenspeisung heraus in Kolumbien willkommen geheißen werden.

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5 Antworten zu Pulverfass

  1. David schreibt:

    Wow, grüßt die Leute da von uns!
    Und hört auf mit Bagger-Matsch zu spielen… Davon geht der Berg noch mehr kaputt!

  2. Rudi schreibt:

    Die lieben Menschen sind es doch immer wieder, die andere Orte so wertvoll und schön machen.

  3. viajes4peru schreibt:

    Interessanter und ausfühlicher Bericht auch Land und Leute und deren Situation in der sie leben.
    Wenn Ihr im Juni in Equador wart reget es dort einiges mehr als in Peru, gut zu wissen.
    Die Radtour wurde die euch erstattet? Ihr wart dann im Sommer 2015 dort?
    Inzwischen ist eure Reise ja schon beendet.
    viele Grüße aus Peru.

    • Michael schreibt:

      Ja, wir waren im (Nord-)Sommer 2015 dort und die Reise ist leider tatsächlich beendet. Die Radtour war nicht als Tour gebucht. Wir haben uns lediglich die Räder ausgeliehen. Insofern haben wir auch gar nicht nach einer Erstattung gefragt. War eben einfach Pech. Viele Grüße nach Peru aus dem weihnachtlichen Aachen!

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