Business im Hinterhof

Schnörres

„Du siehst aus wie Tom Hanks in Cast Away“ bekam ich zu hören, nachdem Rebekka ein Foto von uns beiden in die Heimat geschickt hatte. Zugegeben, der letzte Friseurbesuch liegt schon eine Weile zurück. Mangels Langhaarschneider macht auch die Gesichtsfrisur dem Weihnachtsmann Konkurrenz.

So sitzen wir im Burger-Laden und ich klage dem Besitzer mein Leid. Ob er nicht einen Friseur wisse, der mir hier aus der Patsche helfen könne, ohne dass ich am Ende schlimmer aussehe als vor dem Eingriff (wie einmal in Sucre). „Tja“ sagt er „das ist hier so eine Sache.“ Um einen Salon zu eröffnen braucht es keinen Ausbildungsnachweis oder dergleichen und dementsprechend „variieren“ die Ergebnisse. Für Rasur und Haarschnitt würde er mich lieber an einen Herrenfriseur empfehlen, den es hier allerdings nicht gibt. Er beginnt die Alternativen aufzuzählen, kommt aber recht schnell zum Ende.

Ich verschiebe die Behandlung im Geiste schon auf den nächsten Großstadtaufenthalt, als er noch einmal aus der Küche gesprintet kommt. „Ich hatte da mal einen Angestellten, der ganz gut Haare schneiden kann. Soll ich den anrufen?“

Keine fünf Minuten später stehe ich vor einem Garagentor und Zaid kommt die Straße hinauf. Zwischen Motorrädern und Mountainbikes wird ein Stuhl aufgeklappt und ein paar Utensilien auf einem Kaffeetischchen abgeladen. Das kann ja was werden, denke ich. Aber den Spaß will ich mir auch nicht entgehen lassen. Nach und nach kommen wir ins Gespräch, während er mir die Nackentapete vom Kopf fräst. Deutsch findet er interessant und wir fangen an Vokabeln zu lernen. Wolke, laufen, Gas geben, Glühbirne und allerlei andere Begriffe gehen in seinen Wortschatz über. Nebenbei erzählt er vom Glücksspiel der Jobsuche, seinem Traum eines eigenen Friseursalons, der Familie an der Küste und wie man aus Baumarktmaterialien Landminen mit Fernzünder baut. Der Wehrdienst in Kolumbien unterscheidet sich doch gravierend von dem in Deutschland. Und dass es bei uns keine Wehrpflicht mehr gibt überrascht ihn ziemlich.

Im kleinen Handspiegel sehe ich die Wollmütze auf meinem Kopf schrumpfen. Das Ergebnis sieht ganz zufriedenstellend aus. Im Anschluss verbringe ich noch einen Teil des Abends mit Zaid und dem Kellner aus dem Burger-Laden. Als irgendwann dessen Chef hinzukommt und ich ihm meine Zufriedenheit mitteile wird er kurz schweigsam. Dann steht die Sache für ihn fest. „Zaid, was hältst du davon, wenn wir in dieser Garage einen Salon aufmachen und du der Friseur wirst?“ Wie gesagt, in Kolumbien braucht man dafür kein Zertifikat und Arbeit zu finden hat viel mit Glück zu tun.

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3 Antworten zu Business im Hinterhof

  1. David schreibt:

    Der Hammer, hoffe sein Traum wird wahr! Wenn es wirklich was konkretes wird, dann gib mir die Adresse und wir schicken Schären und nen Kamm!

  2. Zack Parker schreibt:

    Awsome meeting you guys! Start making those maps and I’ll be your first customer.

    Stay in touch!

    Zack

    • Michael schreibt:

      A Tamagotchi? For real? And she didn’t hit you for that? 🙂 It was a pleasure meeting you guys. I’ll let you know about the maps.

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