RämmbäbämmbäBÄMM!

Rasante FahrtKeine Straße führt in dieses Dörfchen. Es liegt spektakulär an einem Fluss mitten im Regenwald. Ein Zugang ist nur auf dem Schienenweg möglich, der in einer schmalen Schneise durch das üppige Grün führt. Dass der Zug, der hier nur sehr selten und bevorzugt nachts fährt, im Dorf nicht einmal hält, stört die Bewohner schon lange nicht mehr. Längst haben sie sich eine Lösung für dieses Problem überlegt:

Aneinander genagelte Bretter auf kleinen Kugellagern, auf denen Holzbänke für etwa 15 Personen stehen, und die von daran festgeschraubten Motorrädern angetrieben werden, rattern als Draisinen über die verbogenen Schienen.

Das Dorf besteht aus einem Schotterweg, der parallel zu einem Fluss verläuft. Auf dem lassen wir uns mit großen LKW-Schläuchen abwärts treiben. Von der Mitte des Flusses haben wir eine gute Beobachterposition in den Regenwald. Rings um uns herum ist es grün grün grün. Die Stämme der Bäume sind mit Farnen und Moosen bedeckt, auf den Ästen wachsen Bromelien und Orchideen und Lianen hängen bis zur Wasseroberfläche. Kletterpflanzen umschlingen andere Kletterpflanzen in einem Wettlauf Richtung Licht. Am Boden stehen bereits die Sprösslinge für die nächste Wettlaufrunde in den Startlöchern. Das Flusswasser ist so klar, dass man die Fische in ihrem Kampf gegen die Strömung über den Grund flitzen sehen kann. Wie auf der Wildwasserbahn im Freizeitpark werden wir in den Stromschnellen und zwischen den herausstehenden Steinen im Kreis gewirbelt. Im Nieselregen hieven wir unsere Reifen zurück ins Dorf.

Auch als wir abends zum vierten Mal den Dorfweg hoch und runter laufen, wird er nicht länger und auch nicht belebter. Sobald das Tageslicht in San Cipriano schwindet und mit ihm die meisten einheimischen Touristen, ist tote Hose. Ein paar emsige Frauen spülen noch die überdimensionalen Kochtöpfe ab und schrubben die Außenküche für ihren nächsten Einsatz. Eine kleine Männergruppe spielt Domino an dem Plastiktisch der Bar, die ohne Abtrennung in das Wohnzimmer der Familie übergeht. Mehr als einen Tag können wir hier nicht mit Programm füllen.

Früh morgens brechen wir wieder auf. Bei der Fahrt ins Dorf hatte ich mich gefragt, wie die Bewohner das eigentlich regeln. Es gibt nur eine Schiene, aber zwei Richtungen in denen diese genutzt wird. Ich kam zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich eine Art Abmachung gibt. In den geraden Stunden zum Dorf, in den ungeraden vom Dorf weg, oder so ähnlich. Deshalb sind wir auf ein bisschen Wartezeit eingestellt, als wir zum „Bahnhof“ gehen. Doch der einzige Fahrer, der zu dieser Uhrzeit bereit steht, fährt direkt mit uns los. Glück gehabt und die richtige Stunde erwischt. Es dauert nicht lange und uns kommt eine andere Draisine entgegengerumpelt. Beide Fahrer bremsen die rasante Fahrt vorsichtig ab, richtig gut funktioniert das Bremsen auf Schienen aber nicht. Trotzdem schaffen sie es rechtzeitig und wir stehen uns gegenüber. Keiner bewegt sich. Und jetzt? Dann gibt uns unser Fahrer ein Zeichen, wir sollen absteigen. Wir haben den stillen Blickkampf wohl verloren. Also schultern wir unsere Rucksäcke und auch die Motorrad-Brett-Konstruktion wird kurz von den Schienen gehoben, so dass der Andere passieren kann. Wir kommen nicht weit bis uns die nächste Bretterdraisine gegenübersteht. Diesmal setzen wir uns durch und schauen den anderen zu wie sie ins Gehölz springen.

Das wäre also geschafft. Dann müssen wir nur noch einen Bus anhalten, der uns nach Cali mitnimmt. Das Anhalten von Bussen ist ja zum Glück kein Problem. Da kommt auch schon einer. Wir winken ihn ran, er wird langsamer … und fährt vorbei. Genauso wie die rund 15 anderen in den nächsten zwei Stunden. Die Busse sind alle rappelvoll. Die vergangene Wartezeit messen an wir am Pegel der Jugendlichen, die an der Bushaltestelle abhängen. Während sich die Wodkaflasche leert, werden die Jungs immer gesprächiger. Auch der Bauarbeiter, der mit seinem Stopp-Schild den Verkehr anhält, wenn ein Baustellenfahrzeug die Straße kreuzt, trinkt eifrig mit. Als wir die kreisende Flasche dankend ablehnen, kommt ein zerzauster Kauz vorbei. Außer einer kurzen verbeulten Hose trägt er nichts. Doch aus dieser zaubert er mit einem zahnlosen Lächeln ein Fläschchen Selbstgebranntes und hält es uns hin. „Das ist das wahre Wundermittel. Ein Schluck davon und ihr tanzt auf der Straße. Rämmbäbäämbääm … BÄÄÄMMM!“, tänzelt er gut gelaunt um uns herum. Er ist es dann auch, der den Tatsachen ins Auge sieht und dafür sorgt, dass uns ein Auto in die entgegengesetzte Richtung zum Startpunkt der Busse bringt, wo wir einen Platz ergattern.

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