Unterwegs sein

Unterwegs auf unbekannten PfadenFür das Unterwegssein tauschen wir unsere schnuckelige Wohnung gegen ein Leben mit und aus dem Rucksack. 17 kg trage ich fast täglich auf dem Rücken, bei Michael sind es 23 kg.

Besonders beim Treppensteigen macht sich jedes Kilo bemerkbar. Wenn dann noch die dünne Luft in den Anden dazu kommt, japsen wir uns regelrecht in die Höhe. Trotzdem entwickelt man mit der Zeit eine enge Verbindung zu seinem Rucksack. Manchmal fehlt mir etwas, wenn ich ihn nicht auf dem Rücken habe. In den 60 Litern Packvolumen ist alles verstaut, was wir zum Leben brauchen. Ein Zelt mit warmen Schlafsäcken und Isomatten, ein Kocher, der mit Spiritus betrieben wird, eine sehr simple Grundausstattung an Lebensmitteln, eine Hängematte, ein Moskitonetz, Hygieneartikel, ein paar Medikamente, ein kleines Wörterbuch, ein Handtuch, ein Laptop und ganz wichtig: Buch und Spielkarten. Damit lassen sich unvorhergesehene Wartezeiten meist angenehm überbrücken. Meine Top-3 der Dinge, die das Reiseleben angenehmer machen sind: ein aufblasbares Nackenhörnchen für lange Busfahrten, ein Smartphone mit Offline-Karten für die erste Orientierung in einer neuen Stadt und Plastiktüten. Man kann nie genügend Plastiktüten haben, die sich im Bedarfsfall für fast alles verwenden lassen (hier übrigens auch häufig mit Strohhalm darin für ein Getränk zum Mitnehmen verwendet). Eigentlich ist es auch ganz nett, sich morgens nicht die Frage des Was-ziehe-ich-an-? stellen zu müssen. Es gibt drei Möglichkeiten der Garderobe: kalt, warm, regenfest. Naja, mit ein paar kleinen Variationen. Das erfordert ein häufiges Wäsche waschen. In den Städten gibt es meistens Wäschereien, die die miefende Kleidung, die manchmal tagelang in einer Tüte ihr Aroma entfaltet hat, innerhalb weniger Stunden wieder frisch und duftend aushändigen. An abgelegeneren Orten müssen wir selbst ran und merken wie anstrengend so eine Handwäsche ist. Seitdem habe ich gehörigen Respekt vor den Frauen mit den riesigen Wäschebergen, die man gelegentlich an den Flüssen sitzen sieht.

Die Reiserucksäcke sind gut durchdacht und haben jede Menge Reißverschlüsse und Zusatzfächer, damit man nicht immer alles ausräumen muss, um an einen bestimmten Gegenstand heranzukommen. Trotzdem sieht jedes Hostelzimmer innerhalb weniger Minuten nach unserer Ankunft aus, als würden wir dort schon ewig hausen. Jeder freie Platz am Bettpfosten oder Stuhl wird mit unseren Dingen belagert. Dieses Phänomen stellen wir aber zum Glück bei vielen Backpackern fest. Vielleicht ist es auch eine Art von Reviermarkierung. So wirkt ein fremder Ort gleich vertrauter, wenn die eigenen Sachen überall hängen. Immerhin schlafen wir im Schnitt jede dritte Nacht in einem anderen Bett. Vor allem geht es aber darum, Dinge auszulüften und schnell an alles ranzukommen.

Ein großer Teil des Tages wird unterwegs auf Alltägliches verwendet. Wenn wir gerade nicht auf der Suche nach etwas zu Essen oder einem akzeptablen Kaffee sind, muss sicher einer auf Toilette. Man macht sich im Alltag gar nicht so bewusst wie viel man eigentlich isst. Jeden Tag braucht man drei Mahlzeiten. Das heißt drei Mal entscheiden was man isst, wo man isst, ob man selbst kocht, wo man die Zutaten besorgt, usw. Oft stehen wir dann auf dem Markt oder im Supermarkt und haben die Idee was wir abends kochen wollen. Sowas wie: Bratkartoffeln wären geil! Ja, aber wie war das in diesem Hostel? Gibt es eine Pfanne? Und konnte man die auch verwenden, ohne das davor darin Gekochte mitzuessen? Selbst wenn die drei Mahlzeiten am Tag geregelt sind, hat man ja noch nicht die Snacks zwischendurch mit einkalkuliert. Deren Menge nahm bei uns von Land zu Land zu. Während wir anfangs noch sehr diszipliniert waren, bzw. gar nichts vermisst haben, vertreten wir mittlerweile die Ansicht, dass alle Straßenverkäufer gleichermaßen von uns profitieren sollten. Zu groß ist die Versuchung der in kleinen Mengen angebotenen Waren an Süßem und Salzigem. Ich habe mich anfangs noch gefragt, ob die Leute aus Höflichkeit bei den Straßenverkäufern ein paar Bonbons kaufen. So als eine Art Almose, nur mit besserem Gefühl. Aber das Zeug ist einfach lecker und es verführt ungemein, wenn es überall angeboten wird. Außerdem muss man ja auch alles probieren… und wenn man was Leckeres gefunden hat, muss man das wieder essen, ganz klar. Diese Kultur des auf der Straße Essens macht das Snacken so einfach. Vielleicht auch ein bisschen zu einfach. Der Anteil an übergewichtigen Menschen war besonders in Bolivien und Peru unserer Wahrnehmung nach sehr hoch. Von erfahrenen Weltreisenden wurde uns prophezeit, dass Männer auf einer langen Reise meistens abnehmen, während Frauen zunehmen. Klasse 😉 Das am meisten gegessene Essen ist aber unumstritten Reis mit Hühnchen und Bohnen. Das gibt es immer. Überall. Selbst bei Mc Donalds. Sowieso gibt es zu allem Reis. Häufig sieht man auch die Kombination Reis und Kartoffeln. Wirkt für uns doppelt gemoppelt, aber hier gilt die Kartoffel als Gemüsebeilage.

Unterwegs sein bedeutet auch unglaublich viel Zeit miteinander zu verbringen. Wir machen schon auch mal unterschiedliche Dinge, aber im Grunde sind wir 24/7 zusammen. Inzwischen wissen wir besser, was der andere denkt oder wie er auf Dinge reagiert, als bei uns selbst. Man hat Zeit über Themen zu philosophieren, Hirngespinste weiter zu spinnen, zu schweigen. Man kann sich auch wunderbar über Kleinigkeiten streiten. Schnick Schnack Schuck ist unser bester Schlichter bei einer Meinungsverschiedenheit. Schere, Stein und Papier haben immer Recht und ihre Entscheidung ist unumstößlich.

Und dann bedeutet unterwegs sein auch Zuhause sein. Wenn wir an einem neuen Ort ankommen, wirkt dieser erstmal fremd. Man bewegt sich vorsichtig, beobachtet die anderen. Doch sobald wir wissen, wo wir die nächste Nacht schlafen werden, stellt sich bereits ein Gefühl der Zugehörigkeit ein. Wenn wir dann manche Straßen zum zweiten oder dritten Man hinunterspazieren, fühlt es sich bereits vertraut an. Nach der ersten Busfahrt weiß man was eine Fahrt kostet und kann dem Fahrer den Betrag genauso selbstverständlich in die Hand drücken wie alle anderen auch. Diese kleinen Dinge verinnerlichen wir inzwischen sehr schnell und stellen uns so auf jeden Ort neu ein. Manchmal fahren wir nach nur zwei Tagen wieder weg. Doch dann ist es bereits nicht mehr derselbe Ort. Es ist nicht mehr nur der Punkt auf der Landkarte. Jetzt wissen wir wo die schönen und die weniger schönen Ecken sind, welche Busse die verschiedenen Teile verbinden, wo leckeres Essen zu finden ist und kennen ein paar Menschen, die diesen Ort zu dem machen was er ist.

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4 Antworten zu Unterwegs sein

  1. Rudi schreibt:

    …mhhh… wo war mein Rucksack noch? … ich muss jetzt los….Reisen. Bin wieder infiziert! Danke 🙂

  2. Michael schreibt:

    Auch gerne wieder gemeinsam Rudi 🙂

  3. David schreibt:

    Das ist schön geschrieben, macht aber auch ein wenig neidisch und traurig wenn man daran denkt,dass der eigene Rucksack gerade auf dem Dachboden einstaubt.

    Wie viel kg gehen bei euch für alle Elektrogeräte drauf?

    • Rebekka schreibt:

      Danke und keine Sorge, der Rucksack wird auch wieder entstaubt… Das wird er immer. Er kann gar nicht anders 🙂 Die Elektrogeräte machen ungefähr 5 kg aus.

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